19.02.2020, 13:27 Uhr

Brüssel (AFP) EU will Europa führend bei "vertrauenswürdiger" Künstlicher Intelligenz machen


Kommission: Hochrisiko-KI soll vor Marktzulassung zertifiziert werden

Die EU-Kommission will Europa zu einem weltweit führenden Standort für "vertrauenswürdige" Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI) machen. Um den Anschluss an die Entwicklung in China und den USA zu bekommen, will die Behörde nach Plänen vom Mittwoch die Investitionen in die Technik deutlich erhöhen. Gleichzeitig hält sie aber eine staatliche Kontrolle besonders risikobehafteter KI-Anwendungen für nötig, um Bürger vor Risiken zu schützen.

Künstliche Intelligenz stützt sich auf die Auswertung großer Datenmengen und maschinelles Lernen, bei dem Programme und Algorithmen sich selbst weiterentwickeln. KI gilt deshalb als Zukunftstechnologie etwa bei selbstfahrenden Autos oder in der Medizin, aber auch in der Strafverfolgung und Videoüberwachung. Die Technik bietet damit enorme wirtschaftliche Chancen, aber auch viele Risiken.

"KI muss immer die Rechte der Menschen beachten", sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Hochrisiko-KI müsse deshalb "getestet und zertifiziert werden, bevor sie auf unseren Binnenmarkt kommt." Dies sei in diesem Fall nicht anders als etwa bei der Zulassung "von Autos, Kosmetika oder Spielzeugen". Bei weniger risikoreichen Systemen reicht für die Kommission dagegen "ein freiwilliges Kennzeichnungssystem", das zeigt, dass vorgegebene Standards eingehalten werden.

Als Hochrisiko-Anwendungen bei KI stuft die Kommission den Einsatz in Personalrekrutierung, Medizin, Verkehr, Polizei und Justiz ein. Angesichts der Gefahr von Verletzungen, Todesfällen, rechtlichen Konsequenzen oder Diskriminierung müssten die Vorgehensweisen der eingesetzten Systeme "transparent, nachvollziehbar und unter menschlicher Kontrolle" bleiben, heißt es.

Um einen Überblick über die Vorstellungen von Gesellschaft und Wirtschaft zu KI zu bekommen, startet die Kommission bis Mitte Mai eine öffentliche Befragung. In einem dazu erstellten Weißbuch fragt die Behörde unter anderem, inwieweit die neue Technologie reguliert werden soll und unter welchen Bedingungen etwa die umstrittene Gesichtserkennung genutzt werden könnte.

Die EU hofft, auch bei KI international Standards zu setzen. "Wer in Europa Geschäfte macht, muss unsere Regeln und Werte beachten", sagte Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager. Zur Durchsetzung müsse es auch eine europäische Steuerungsstruktur geben.

Europa gilt bereits als führend bei Regeln für den Datenschutz. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der EU wird mittlerweile vielerorts als Blaupause für neue Regelungen genutzt.

Eine parallel veröffentlichte Datenstrategie soll Wirtschaft, Forschung und Verwaltung das Potenzial ständig wachsender Datenmengen erschließen, die für die Entwicklung von KI-Technologie notwendig sind. Ziel sei "ein wirklicher Binnenmarkt für Daten", der persönliche und anonymisierte Informationen nach europäischen Standards schütze.

"Die Schlacht für Industriedaten beginnt jetzt, und Europa wird ihr Hauptschlachtfeld sein", sagte Binnenmarkt-Kommissar Thierry Breton. Die EU habe "alles, um diese Schlacht zu gewinnen."

Um die Voraussetzungen für die Nutzung von KI zu verbessern, will die Kommission die Investitionen in die Technik in diesem Jahrzehnt auf 20 Milliarden Euro pro Jahr steigern. Gleichzeitig soll die Forschung besser grenzüberschreitend organisiert werden.

Von der Leyen sieht unterdessen auch ungenutztes Potenzial, dass KI-Technologie das Ziel unterstützt, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent der Welt zu machen. Als Beispiel nannte sie Systeme zur Erhöhung der Energieeffizienz wie "intelligente Heizungen". Daneben will Brüssel erreichen, dass große Datenverarbeitungszentren, die enorme Mengen Strom verbrauchen, auf erneuerbare Energien umstellen und bis 2030 klimaneutral werden.


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