12.02.2020, 14:34 Uhr

Ankara (AFP) Erdogan droht mit Angriffen auf syrische Regierungstruppen in Idlib

Türkische Soldaten im nordwestsyrischen Binnisch.
Quelle: AFP/Muhammad HAJ KADOUR (Foto: AFP/Muhammad HAJ KADOUR)Türkische Soldaten im nordwestsyrischen Binnisch. Quelle: AFP/Muhammad HAJ KADOUR (Foto: AFP/Muhammad HAJ KADOUR)

Konflikt mit Damaskus und Moskau spitzt sich zu

Im Norden Syriens spitzt sich die militärische Konfrontation zwischen der türkischen Armee und den von Russland unterstützten syrischen Streitkräften zu. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan drohte Damaskus am Mittwoch mit Angriffen "überall" im Land, sollten erneut türkische Soldaten unter Beschuss geraten. Damaskus gab sich von den türkischen Drohungen unbeeindruckt. Moskau hielt der Türkei vor, ihre Verpflichtungen aus einem russisch-türkischen Abkommen für eine Waffenruhe in der Provinz Idlib nicht einzuhalten.

"Wenn unseren Soldaten auf den Beobachtungsposten oder anderswo auch nur der geringste Schaden zugefügt wird", werde die türkische Armee die syrischen Regierungstruppen angreifen, sagte Erdogan bei einer Rede vor seiner AKP-Regierungsfraktion im Parlament in Ankara. Dies gelte "ungeachtet des Abkommens von Sotschi", warnte Erdogan mit Blick auf die 2018 von Ankara und Moskau geschlossene Waffenstillstandsvereinbarung für Nordsyrien.

Gleichzeitig attackierte Erdogan auch das Vorgehen der russischen Armee in Syrien. "Mit Unterstützung russischer Streitkräfte und pro-iranischer Milizen greifen die syrischen Streitkräfte ständig Zivilisten an, verüben Massaker und vergießen Blut", fügte er hinzu.

Der türkische Staatschef kündigte überdies an, dass Ankara "auf dem Boden und in der Luft alles Nötige" tun werde, um die syrischen Truppen aus der nordwestlichen Provinz Idlib zu verdrängen. Seine Regierung werde es zudem nicht zulassen, dass sich Flugzeuge, die Angriffe auf Wohngebiete verübten, weiterhin "frei bewegen" könnten.

Das Außenministerium in Damaskus erklärte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana, Erdogan habe den "Realitätsbezug" verloren. Die Bemerkungen des türkischen Präsidenten seien "inhaltsleer".

Moskau wiederum hielt Ankara vor, es habe es versäumt, der im Sotschi-Abkommen vereinbarten "Neutralisierung von Terroristen" nachzukommen, wie Kreml-Sprecher Dmitri Peskow in Moskau sagte. Diese "Terrorgruppen" verübten von Idlib aus Angriffe auf die syrischen Streitkräfte und verhielten sich "aggressiv gegenüber russischen militärischen Stellungen". Dies sei "inakzeptabel und ein Verstoß gegen die Sotschi-Abkommen".

Die syrischen Regierungstruppen gehen seit Dezember mit Unterstützung Moskaus militärisch verstärkt gegen die überwiegend islamistischen und dschihadistischen Milizen in der Provinz Idlib vor. Die benachbarte Türkei unterstützt hingegen die Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad in ihrer letzten Hochburg.

Am Dienstag war in Idlib ein syrischer Militärhubschrauber abgeschossen worden, drei Besatzungsmitglieder wurden laut Staatsmedien getötet. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte machte die Türkei für den Abschuss verantwortlich, was Ankara nicht bestätigte.

Erdogan äußerte sich nach mehreren Angriffen der syrischen Truppen auf türkische Stellungen in Idlib seit Monatsbeginn, bei denen 14 türkische Soldaten getötet und 45 weitere verletzt worden waren. Am Montag waren bei einem syrischen Angriff in Idlib fünf türkische Soldaten getötet worden. Die türkische Armee gab daraufhin bekannt, mehr als hundert syrische Soldaten "neutralisiert" zu haben.

Wie ein AFP-Korrespondent berichtete, erreichte ein Konvoi türkischer Armeefahrzeuge am Mittwoch den Ort Binnisch im Nordosten der Stadt Idlib. Bereits in den vergangenen Tagen hatte die türkische Armee hunderte weitere Fahrzeuge mit schweren Geschützen und Soldaten nach Nordsyrien verlegt.

Moskau teilte am Mittwoch mit, dass Russlands Staatschef Wladimir Putin und Erdogan in einem Telefonat die "Bedeutung einer vollständigen Umsetzung" der Vereinbarungen von Sotschi festgehalten hätten. In dem Abkommen hatten sich Russland und die Türkei auf die Einstellung der Kämpfe in Idlib geeinigt. Alle seither vereinbarten Feuerpausen wurden jedoch kurz nach ihrem Inkrafttreten gebrochen.

Laut der Beobachtungsstelle eroberten Assads Streitkräfte seit Dienstagabend zahlreiche Orte entlang der strategisch wichtigen Autobahn M5 zurück. Alle westlich der M5 gelegenen Gebiete in Aleppo seien nun wieder unter Kontrolle der Regierungstruppen, hieß es.

Durch die Kämpfe in Idlib wurden seit Dezember hunderte Zivilisten getötet, fast 700.000 Menschen wurden nach UN-Angaben vertrieben.


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