21.01.2020, 15:54 Uhr

Naumburg (AFP) OLG Naumburg verhandelt über antijüdisches Relief an Wittenberger Kirche

Das umstrittene Relief an der Wittenberger Stadtkirche. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Hendrik Schmidt (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Hendrik Schmidt)Das umstrittene Relief an der Wittenberger Stadtkirche. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Hendrik Schmidt (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Hendrik Schmidt)

Klage gegen Erhalt der Plastik offenbar mit wenig Aussicht auf Erfolg

Das Oberlandesgericht (OLG) von Sachsen-Anhalt hat sich mit einer Klage gegen ein antijüdisches Relief an der Wittenberger Stadtkirche befasst. Am 4. Februar will das Naumburger OLG sein Urteil verkünden. Die Klage gegen den Erhalt des umstrittenen mittelalterlichen Sandsteinreliefs hat aber womöglich wenig Aussicht auf Erfolg. In der Verhandlung am Dienstag zeigte sich nach Angaben eines Gerichtssprechers die Tendenz, dass das OLG die Berufung des Kläger zurückweisen könnte.

Der Kläger, ein Mitglied einer jüdischen Gemeinde, will erreichen, dass das Schährelief entfernt wird. Zudem will er, dass das Gericht vorsorglich feststellt, dass das Relief den Tatbestand der Beleidigung erfüllt.

Das sogenannte Judensaurelief an der Wittenberger Stadtkirche sorgt seit Jahren für Debatten und beschäftigt seit geraumer Zeit die Justiz. Im Mai wies das Landgericht Dessau-Roßlau die Klage ab, weil es den Tatbestand der Beleidigung nicht als erfüllt ansah. Die Sandsteinplastik sei Bestandteil eines historischen Gebäudes und befinde sich nicht unkommentiert an der Stadtkirche. Über das Mahnmal am Fuß der Kirche sei das Relief in eine Gedenkkultur eingebettet. Der Kläger ging daraufhin in Berufung.

Bei der sogenannten Judensau handelt es sich um ein Schmährelief aus dem 13.Jahrhundert, das Juden und ihre Religion demütigen soll. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschen saugen, die durch zeitgenössische Kleidung als Juden erkennbar sind. Um das Relief, seine historische Einordnung und dem Umgang damit wird bereits seit Jahrzehnten gestritten.

Die Stadtkirchengemeinde Wittenberg äußerte vor der OLG-Verhandlung ihre Betroffenheit, dass sich Menschen durch die antijüdische Schmähplastik persönlich verletzt und beleidigt fühlen. Die Gemeinde leide "unter dem schwierigen Erbe", setze sich aber zugleich sei Jahrzehnten für eine "lebendige Gedenkkultur" und eine Auseinandersetzung mit solchen Geschichtszeugnissen ein.

Sogenannte Judensaumotive sind eine seit dem Mittelalter im christlichen Europa verbreitete Form der Herabsetzung von Juden. Sie finden sich bis heute an etlichen Kirchen, so unter anderem auch am Kölner Dom. Schweine gelten im Judentum - wie auch im Islam - als unreine Tiere.

Wittenberg in Sachsen-Anhalt kommt als Lutherstadt eine besondere Bedeutung zu. Der Theologe und Kirchenkritiker Martin Luther (1483-1546) lebte, arbeitete und predigte dort an der Stadtkirche, die heute zum Unesco-Welterbe gehört.

1517 veröffentlichte Luther in Wittenberg seine berühmten 95 Thesen. Sein Wirken legte den Grundstein für das Entstehen der evangelischen Kirche. Von ihm sind aber auch judenfeindliche Äußerungen bekannt bis hin zu Judenhass in seinen späten Schriften.


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