11.01.2020, 12:55 Uhr

Teheran (AFP) Iran räumt versehentlichen Abschuss von ukrainischem Flugzeug ein

Wrack der abgestürzten Maschine bei Teheran. Quelle: AFP/Archiv/- (Foto: AFP/Archiv/-)Wrack der abgestürzten Maschine bei Teheran. Quelle: AFP/Archiv/- (Foto: AFP/Archiv/-)

Revolutionsgarden: Soldat hielt Boeing für Marschflugkörper und feuerte darauf

Nach tagelangem Leugnen hat der Iran nun doch den versehentlichen Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs mit 176 Menschen an Bord eingeräumt. Außenminister Mohammed Dschawad Sarif entschuldigte sich am Samstag für den Vorfall, machte aber das "Abenteurertum der USA" mitverantwortlich für die "Katastrophe". Die Iranischen Revolutionsgarten übernahmen die Verantwortung für den Abschuss. Ein Soldat hielt die Boeing demnach für ein feindliches Objekt und feuerte eine Rakete ab. Zuvor hatte Teheran tagelang dementiert, für das Flugzeugunglück verantwortlich zu sein.

Die Maschine sei für ein "feindliches Flugzeug" gehalten worden, teilte die iranische Armee am Samstag mit. Es handele sich um "menschliches Versagen". Der Generalstab der iranischen Armee kündigte an, "der Verantwortliche" für den Abschuss werde "umgehend" vor die Militärjustiz gestellt.

Der Luftwaffenkommandeur der Revolutionsgarden, General Amirali Hadschisadeh, schilderte den Vorfall auch als Folge einer Telefonpanne: Demnach habe der diensthabende Soldat das Flugzeug für einen Marschflugkörper gehalten und binnen zehn Sekunden entscheiden müssen, wie er reagieren solle. Der Soldat habe die "falsche Entscheidung" zum Abschuss getroffen. Die abgefeuerte Kurzstreckenrakete sei nahe der Boeing explodiert. Hadschisadeh sagte, er übernehme "die volle Verantwortung" und sei bereit jegliche Konsequenzen zu ziehen.

Irans Präsident Hassan Ruhani erklärte im Kurzbotschaftendienst Twitter, sein Land bedaure den Abschuss "zutiefst". Er sprach von einer "großen Tragödie und einem unentschuldbaren Fehler". Die interne Untersuchung der Streitkräfte habe ergeben, dass "wegen menschlichen Versagens abgeschossene Raketen bedauerlicherweise den grauenhaften Absturz des ukrainischen Flugzeugs und den Tod von 176 unschuldigen Menschen verursacht" hätten.

Außenminister Sarif entschuldigte sich für die Katastrophe. "Unser tiefes Bedauern, Entschuldigungen und Beileid gegenüber unserem Volk, den Familien aller Opfer und anderen betroffenen Nationen", schrieb Sarif bei Twitter. Es handle sich um einen "traurigen Tag".

Washington trage jedoch eine Mitschuld, erklärte Sarif. Menschliches Versagen in "durch das Abenteurertum der USA verursachten" Krisenzeiten habe "zu einer Katastropher geführt". Er bezog sich damit auf die von US-Präsident Donald Trump angeordnete Tötung des mächtigen iranischen Generals Kassem Soleimani in Bagdad. Als Vergeltung hatte der Iran in der Nacht zum Mittwoch zwei von US-Streitkräften genutzte Militärstützpunkte im Irak angegriffen. Wenige Stunden später stürzte die ukrainische Passagiermaschine in der Nähe von Teheran ab.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte die Bestrafung der Verantwortlichen sowie die Zahlung von Entschädigungen. Für Samstagnachmittag war ein Telefonat zwischen Selenskyj und Ruhani geplant. Kanadas Premierminister Justin Trudeau verlangte eine "komplette und sorgfältige Untersuchung". Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Boeing 737 der ukrainischen Fluggesellschaft UIA war am Mittwochmorgen in der Nähe von Teheran abgestürzt, alle 176 Insassen wurden getötet. Bei den Opfern handelte es sich vor allem um iranischstämmige Kanadier, Afghanen, Briten, Schweden und Ukrainer.

Trotz vermehrter Mutmaßungen unter anderem westlicher Regierungschefs in den vergangenen Tagen, dass das Flugzeug versehentlich von einer iranischen Rakete getroffen worden sein könnte, hatte Teheran dies zunächst kategorisch dementiert.

Trudeau, aus dessen Land viele der 176 Todesopfer kamen, hatte am Donnerstag von "zahlreichen" Geheimdienstinformationen berichtet, die auf eine "iranische Boden-Luft-Rakete" hindeuteten. Auch ein im Internet verbreitetes Video stützte die These eines Abschusses.


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