07.01.2020, 14:28 Uhr

Berlin (AFP) Sinkende CO2-Emissionen als Hoffnungszeichen für den Klimaschutz

Windkraftanlagen in Mecklenburg-Vorpommern. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Jens Büttner (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Jens Büttner)Windkraftanlagen in Mecklenburg-Vorpommern. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Jens Büttner (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Jens Büttner)

Experten mahnen aber Fortschritte bei Windkraftausbau und Verkehrswende an

Neue Zahlen über sinkende CO2-Emissionen in Deutschland sind von Politikern und Verbänden als Hoffnungszeichen für den Klimaschutz gewertet worden. Experten mahnten aber zugleich einen stärkeren Ausbau von Windkraft und Solarstrom an, da nur so weitere Emissionssenkungen zu erreichen seien. Auch geht es in den Sektoren Verkehr und Gebäude weiterhin kaum oder gar nicht voran.

Der aktuellen, vorläufigen Jahresbilanz der Denkfabrik Agora Energiewende zufolge sanken die Emissionen im vergangenen Jahr um 50 Millionen Tonnen CO2 und lagen mit insgesamt 811 Millionen Tonnen um 35,2 Prozent unter dem Stand von 1990. Im Vergleich zu 2018 wurde ein Rückgang um gut sechs Prozent verzeichnet.

Die Denkfabrik führte den Rückgang vor allem auf niedrigere Emissionen im Energiebereich zurück, wo der Anteil des Ökostroms am Stromverbrauch auf 42,6 Prozent anstieg. Dagegen nahm die Stromproduktion der deutschen Steinkohlekraftwerke 2019 um 31 Prozent ab, die der Braunkohlekraftwerke um 22 Prozent. Allerdings stiegen die Emissionen in den Bereichen Verkehr und Gebäude 2019 sogar an.

Der Direktor von Agora Energiewende, Patrick Graichen, warnte davor, die insgesamt guten Zahlen für 2019 mit Blick auf die Zukunft überzubewerten. "Der Ausbau bei der Windenergie ist in den letzten zwei Jahren um über 80 Prozent eingebrochen und somit fast zum Erliegen gekommen", kritisierte er in Berlin. Ohne mehr Windkraft seien aber weder Kohleausstieg noch Klimaziele erreichbar.

Zurückhaltend reagierte der Umweltverband BUND. Die Emissionssenkung sei "nicht das Ergebnis konsequenten Klimaschutzes", sondern eher auf Sonderfaktoren wie das geringere Wirtschaftswachstum zurückzuführen, sagte der BUND-Energieexperte Arne Fellermann der Nachrichtenagentur AFP. Er warf der Bundesregierung Zögerlichkeit beim Kohleausstieg und "Sabotage" des Ökostromausbaus vor.

Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer begrüßte zwar im Internetdienst Twitter den Rückgang der Emissionen als "gut und wichtig". Auch er warf aber Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vor, dass er zum Dank für den Klimabeitrag der erneuerbaren Energien "ihren Ausbau abwürgt". Grünen-Chefin Annalena Baerbock kritisierte in Hamburg die Verzögerungen beim Kohleausstieg. Der Linken-Klimaexperte Lorenz Gösta Beutin nannte es "dreist", wenn sich die Regierung jetzt dafür feiere, dass sie das Klimaziel für 2020 von 40 Prozent weniger CO2-Ausstoß "nicht ganz so katastrophal reißt wie angenommen".

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) begrüßte zwar den Rückgang bei den Emissionen, mahnte aber ebenfalls Fortschritte beim Ausbau der Windkraft an. "Es macht mir Sorge, dass wir hier schon zu viel Zeit verloren haben", kritisierte die Ministerin. In der Koalition gibt es seit Monaten Streit um vor allem von der Union geforderte Mindestabstandsregeln für Windräder, die Experten zufolge den Ökostromausbau in Frage stellen.

"Ohne einen ambitionierteren Ausbau der erneuerbaren Energien können wir sowohl unsere Klimaziele als auch den Ausstieg aus der Atom- und Kohleenergie schlichtweg vergessen", erklärte dazu SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch. Die SPD-Umweltexpertin Nina Scheer drängte auf ein Ende der Deckelung des Solarausbaus.

Unionsfraktionsvize Georg Nüßlein (CSU) wertete die Zahlen von Agora Energiewende dagegen als Beleg für gute Leistungen Deutschlands beim Klimaschutz. Die CSU-Umweltexpertin Anja Weisgerber verwies auf die Wirkung des EU-Emissionshandels im Energiesektor, wo der Zertifikatepreis zuletzt deutlich gestiegen war.


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