26.11.2019, 13:50 Uhr

München (AFP) Prozess um sechsfachen Mord gegen Hilfspfleger in München begonnen

Angeklagter im Landgericht München I. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Peter Kneffel (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Peter Kneffel)Angeklagter im Landgericht München I. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Peter Kneffel (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Peter Kneffel)

Mann soll zudem deutschlandweit Patienten bestohlen haben

Einem wegen sechsfachen Mordes in München angeklagten Pflegehelfer droht die in Deutschland mögliche Höchststrafe. Zu Beginn des Prozesses gegen den 38-Jährigen vor dem Landgericht München I gab die Vorsitzende Richterin einen rechtlichen Hinweis, wonach neben einer lebenslangen Haft auch die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und Sicherungsverwahrung in Betracht kämen. Der Angeklagte selbst verweigerte die Aussage.

Der aus Polen stammende Grzegorz Stanislaw W. soll als ungelernter Pfleger von Agenturen in Haushalte in ganz Deutschland vermittelt worden sein. Dabei soll er binnen gerade einmal zehn Monaten zwischen April 2017 und Februar 2018 sechs seiner Patienten mit Überdosen Insulin getötet haben. Der Angeklagte ist selbst Diabetiker und verfügte deshalb über das Medikament.

W. ist neben sechsfachen Mordes wegen einer Reihe weiterer Taten wie Diebstahl, Betrug und Körperverletzung angeklagt. Er soll in fast allen 69 Haushalten, in die er von Agenturen vermittelt wurde, gestohlen haben - darunter Bargeld, EC-Karten, aber auch Toilettenpapier, Weinflaschen und in einem Fall das Bundesverdienstkreuz seines Opfers.

Laut einem Hinweis der Vorsitzenden Richterin der zuständigen Kammer, Elisabeth Ehrl, könnte die Anklage durch die Beweisaufnahme von sechs auf sieben Morde erweitert werden. Ein Fall im nordrhein-westfälischen Mülheim an der Ruhr wurde von der Staatsanwaltschaft als versuchter Mord eingestuft, weil der 91-jährige Patient zunächst gerettet werden konnte. Er starb aber bald darauf. Auch in mehreren anderen Fällen verschärfte das Gericht die Anklage und sieht dabei auch eine mögliche Strafbarkeit wegen gefährlicher Körperverletzung.

W. war über Agenturen in die Haushalte vermittelt worden, er ließ sich dabei von verschiedenen Unternehmen beschäftigen. Immer wieder soll ihm seine Arbeit nicht gepasst haben - so soll er sich geweigert haben, Patienten nachts beim Toilettengang zu helfen, weil er für sich beanspruchte, mindestens acht Stunden am Stück zu schlafen. Um einen Arbeitsplatz zu verlassen und einer drohenden Vertragsstrafe wegen vorzeitiger Kündigung zu entgehen, entschloss er sich laut Anklage zum Mord.

Der Angeklagte verweigerte zu Prozessbeginn die Aussage. Laut seiner Verteidigerin will er in dem bis Mai terminierten Prozess zumindest vorerst weder Angaben zur Sache noch zu seiner Person machen. Einem Gerichtspsychiater sagte er laut dessen Gutachten bei zwei Befragungen in Untersuchungshaft, "es tue ihm wirklich leid, dass er das getan habe". Er habe Gewissensbisse.

Unklar blieb, warum W. überhaupt von den Pflegeagenturen vermittelt wurde. Denn laut dem Gutachter gab er an, in Polen wegen Betrugsdelikten zu zehn Jahren Haft verurteilt gewesen zu sein und von 2008 bis 2014 im Gefängnis gesessen zu haben. Schon von Kind auf soll er zudem Diebstähle begangen haben und immer wieder in Konflikt mit der Polizei geraten sein.

Am Rande des Prozesses sagte der Bruder eines getöteten Pflegebedürftigen, die Mordserie sei "ein Versagen des Systems". Die Vermittlungsagenturen, die bei der Vermittlung von Pflegern selbst hohe Prämien kassierten, hätten das schnelle Geld gewollt und den Mann ohne Prüfung in die Familien entsandt. Es seien bei dem Angeklagten sieben bis zehn Agenturen beteiligt gewesen, keine einzige habe sich je nach seiner Biografie erkundigt. Bei der Vermittlung in Privathaushalte fehle die nötige staatliche Kontrolle.


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