18.11.2019, 17:24 Uhr

Hongkong (AFP) Dutzende Demonstranten entkommen aus umstellter Hongkonger Universität


Polizei kesselte Gebäude ein - Dutzende Festnahmen

Dramatischer Schlagabtausch zwischen der Polizei und Demonstranten an der Polytechnischen Universität in Hongkong: Sicherheitskräfte kesselten am Montag hunderte Demokratie-Aktivisten in der Hochschule ein. Mit Tränengas und Schlagstöcken gingen sie gegen Demonstranten vor, die versuchten, vom Campus zu fliehen. Dutzende Protestierende wurden festgenommen. Dennoch gelang dutzenden Aktivisten auf spektakuläre Weise die Flucht aus dem Gebäude. Peking richtete derweil erneut scharfe Warnungen an die Protestbewegung.

Demonstranten hatten sich am Wochenende in der Universität auf der Halbinsel Kowloon verschanzt. Mit Pfeil und Bogen, Molotowcocktails und Steinschleudern versuchten sie die Polizisten abzuwehren. In der Nacht zu Montag legten sie Feuer am Haupteingang, um ein Eindringen der Polizei zu verhindern.

Schließlich versuchten Demonstranten, die Polizeiabsperrungen rund um die Universität zu durchbrechen und zu fliehen, wurden jedoch zunächst mit Tränengas zurückgedrängt. Die Beamten nahmen dutzende Menschen fest, teilweise schlugen sie mit Schlagstöcken auf die am Boden liegenden Demonstranten ein.

Am Abend gelang dutzenden Demonstranten dennoch die Flucht. Wie auf Videoaufnahmen der Nachrichtenagentur AFP zu sehen war, seilten sie sich von einer Fußgängerbrücke auf eine Autobahn ab, wo sie von wartenden Motorradfahrern abgeholt wurden. Es war zunächst unklar, wie vielen Aktivisten die Flucht gelang und wie viele sich noch auf dem Campus befanden.

Die Stimmung unter den auf dem Campus verbliebenen Aktivisten sei verzweifelt, berichtete eine 19-Jährige, die sich "K" nannte. "Einige haben heftig geweint, andere waren wütend. Sie empfanden Hoffnungslosigkeit, weil uns der Weg aus dem Campus versperrt wurde."

Auch in anderen Teilen der Stadt kam es am Montag zu Protesten: In den Vierteln Tsim Sha Tsui und Jordan ging die Polizei mit Tränengas gegen Menschenansammlungen vor. Mehrere Protestierende wurden verhaftet.

Einen wichtigen juristischen Sieg konnten die Aktivisten aber erringen: Das Oberste Gericht in Hongkong hob das von der Regierung verhängte Vermummungsverbot auf. Das Verbot sei verfassungswidrig, urteilte das Gericht.

Die seit fünf Monaten andauernden Proteste hatten seit vergangener Woche ein neues Ausmaß erreicht. Die Aktivisten weiteten ihre Aktionen mit Blockaden an verschiedenen Stellen aus, um die Kapazitäten der Polizei auf die Probe zu stellen. Schulen blieben geschlossen, der öffentliche Nahverkehr kam fast völlig zum Erliegen und Hauptstraßen wurden blockiert.

Am Sonntag wurde bei den gewaltsamen Zusammenstößen an der Universität ein Polizist durch einen Pfeil an der Wade verletzt. Die Beamten drohten mit dem Einsatz scharfer Munition. Tatsächlich gaben sie am Montag drei Warnschüsse ab, verletzt wurde niemand.

Peking warnte die Protestbewegung in Hongkong zuletzt in immer drastischeren Worten vor einer Eskalation. Wu Qian, Sprecher des chinesischen Verteidigungsministeriums, bekräftigte, die "Beendigung der Gewalt und die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung" seien derzeit die "dringlichste Aufgabe" in Hongkong.

Der chinesische Botschafter in London, Liu Xiaoming, betonte, die Regierung in Peking unternehme "ihr Möglichstes, um die Situation unter Kontrolle zu bringen". Peking habe "ausreichend Entschlossenheit und Macht, um die Unruhen zu beenden".

Die Bundesregierung mahnte alle Seiten "zur Zurückhaltung und zur Dialogbereitschaft". Sie hoffe, dass "konkrete Maßnahmen der Deeskalation schnellstmöglich ergriffen werden, um zu einer friedlichen Lösung des Konflikts zu kommen", sagte Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer in Berlin.

Der Hongkonger Demokratie-Aktivist Joshua Wong rechtfertigte den Einsatz von Gewalt durch Demonstranten in der chinesischen Sonderverwaltungszone. "Mit rein friedlichem Protest werden wir unser Ziel nicht erreichen", sagte Wong der "Süddeutschen Zeitung" und fügte hinzu: "Allein mit Gewalt allerdings auch nicht. Wir brauchen beides."

In der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong gibt es seit Monaten Massenproteste gegen die pro-chinesische Regierung, die immer häufiger in Gewalt umschlagen.


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