19.10.2019, 03:37 Uhr

Barcelona (AFP) Gewalt bei Protesten in Barcelona nach Großkundgebung eskaliert


Straßenschlachten im Stadtzentrum

Bei den Protesten katalanischer Unabhängigkeitsbefürworter ist die Gewalt in Barcelona am Freitagabend eskaliert. Radikale Separatisten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, wie Journalisten der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Die Rettungskräfte meldeten 60 Verletzte. In den frühen Morgenstunden am Samstag schien sich die Lage wieder etwas zu beruhigen.

Am Freitagnachmittag hatten sich zunächst mehr als eine halbe Million Menschen zu einer Großkundgebung in Barcelona versammelt. Zuvor hatte ein Generalstreik das öffentliche Leben lahmgelegt. Die meisten Teilnehmer protestierten friedlich gegen das Urteil des Obersten Gerichtshofs Spaniens vom Montag, in dem prominente katalanische Politiker und Vertreter der Zivilgesellschaft zu bis zu 13 Jahren Haft wegen "Aufruhrs" verurteilt worden waren.

Am Abend verschärfte sich dann die Lage: Junge Demonstranten, die Barrikaden errichtet hatten, warfen Steine und Feuerwerkskörper auf Polizisten. Die Beamten reagierten mit dem Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen. Im Stadtzentrum gab es chaotische Szenen.

Nahe der Polizeizentrale Barcelonas entzündeten junge Demonstranten ein riesiges Feuer - es stieg dicker, schwarzer Rauch auf. Brände gab es auch nahe des Plaza de Catalunya am Ende der Touristenmeile Las Ramblas, wo sich hunderte Demonstranten der Polizei entgegenstellten. Diese versuchte, die Demonstranten mit Wasserwerfern auseinanderzutreiben. "Antifaschistisches Katalonien", riefen die meist vermummten Demonstranten. "Die Straßen werden immer unsere sein!"

Zahlreiche Polizeifahrzeuge waren mit Sirenengeheul auf den Straßen unterwegs. Die Regionalpolizei warnte Menschen auf Englisch im Kurzbotschaftendienst Twitter, sich vom Stadtzentrum fernzuhalten.

Ein Polizeisprecher sagte, die Situation scheine sich nach 01.00 Uhr am Samstagmorgen wieder leicht beruhigt zu haben. Nach Angaben der Rettungskräfte wurden seit Beginn der Proteste am Montag rund 500 Menschen verletzt, davon 60 am Freitag in Barcelona. Nach Angaben des Innenministeriums gab es seit Montag 128 Festnahmen. 207 Polizisten seien noch vor der Eskalation der Gewalt am Freitag verletzt worden.

Bereits am Freitagmorgen hatten sich tausende Menschen an einem Generalstreik beteiligt. Allein in Barcelona mussten 57 Flüge am Boden bleiben, die Oper sagte eine für den Abend geplante Vorstellung ab, die weltberühmte Gaudí-Kathedrale Sagrada Família wurde für Besucher geschlossen und auf dem bekannten Boquería-Markt in Barcelonas Altstadt waren nur wenige Verkaufsstände geöffnet. Auch ein Werk des Autobauers Seat mit mehr als 6500 Mitarbeitern in der Stadt Martorell blieb geschlossen.

Am Freitagmorgen hatten Demonstranten nach Angaben des Verkehrsministeriums unter anderem die Autobahn AP7 bei La Jonquera in beiden Richtungen sowie die Nationalstraße N-II in der Nähe der Grenze zu Frankreich blockiert. Ein für den 26. Oktober in der katalanischen Hauptstadt geplantes Fußballspiel von Real Madrid und dem FC Barcelona wurde wegen erwarteter Demonstrationen verschoben.

"Mit diesen Demonstrationen, die diese große Stadt zum Stillstand bringen, nutzen wir Barcelona wie ein Mikrofon", sagte der 23-jährige Student Ramón Pararada. Der pensionierte Anwalt Jaume Enrich sagte, das Gerichtsurteil sei "der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht" habe. Madrid stelle "die Einheit Spaniens über alles - auch über die Grundrechte".

Es war bereits der fünfte Protesttag in Folge nach dem Urteil von Spaniens Oberstem Gerichtshof vom Montag. Bei der Verurteilung führender Vertreter der Unabhängigkeitsbewegung ging es um deren Rolle bei dem umstrittenen Referendum im Jahr 2017 zur Abspaltung Kataloniens von Spaniens.

Der Stadtrat von Barcelona bezifferte die Schäden durch die ersten drei Protesttage auf schätzungsweise 1,6 Millionen Euro durch beschädigte Ampeln, Straßenschilder, Bäume und den Fahrrad-Share-Service der Stadt.

Weniger als einen Monat vor Spaniens Neuwahl am 10. November setzen die Proteste und Ausschreitungen den amtierenden sozialistischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez unter großen Druck. Vor allem die rechtsgerichtete Opposition fordert drastische Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung.


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