11.10.2019, 20:46 Uhr

Istanbul (AFP) 100.000 Menschen fliehen vor türkischer Offensive in Nordsyrien

Syrische Milizionäre dringen nach Nordsyrien ein. Quelle: AFP/Nazeer Al-khatib (Foto: AFP/Nazeer Al-khatib)Syrische Milizionäre dringen nach Nordsyrien ein. Quelle: AFP/Nazeer Al-khatib (Foto: AFP/Nazeer Al-khatib)

Erdogan will Kämpfe trotz "Drohungen" des Westens fortsetzen

Am dritten Tag der türkischen Offensive in Nordsyrien haben die Vereinten Nationen vor den humanitären Folgen für die Menschen in der umkämpften Region gewarnt. Etwa 100.000 Menschen seien bereits aus der Grenzregion geflohen, erklärte die UNO am Freitag. Die Europäer und die USA verschärften vor diesem Hintergrund ihren Ton in Richtung Ankara. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan machte jedoch klar, dass er die Offensive nicht wegen der "Drohungen" stoppen werde.

Die Türkei hatte am Mittwoch ihre lange angedrohte Militäroffensive gegen die syrische Kurdenmiliz YPG begonnen. Die USA und andere westliche Staaten kritisierten die Militäroperation Ankaras von Beginn an heftig, da sie in der YPG den wichtigsten Partner im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) sehen. Sie fürchten ein Wiedererstarken der IS-Miliz.

Die YPG und ihre arabischen Verbündeten leisteten an der Grenze weiter erbitterten Widerstand. Sie würden Tunnel, Gräben und Wälle nutzen, um den Vormarsch der türkischen Armee aufzuhalten, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London. Es gebe heftige Kämpfe an mehreren Fronten, vor allem in den syrischen Grenzstädten Tal Abjad und Ras al-Ain. Fast alle Einwohner seien aus den beiden Städten geflohen. Sie sind auf dem Weg in Richtung der Stadt Hasake. In dieser ist laut UN-Angaben eine Anlage zur Wasserversorgung für rund 400.000 Menschen außer Betrieb.

Nach Angaben der Beobachtungsstelle wurden seit Mittwoch 54 kurdische Kämpfer und 17 Zivilisten getötet. Im Rahmen der Kämpfe starben am Freitag nach türkischen Behördenangaben und Medienberichten auch zehn türkische Zivilisten bei Granatenangriffen aus Syrien. Vier Soldaten wurden während der Kampfhandlungen getötet, wie das türkische Verteidigungsministerium und die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldeten.

Der türkische Präsident Erdogan will mit seinem Vorstoß eine "Sicherheitszone" südlich der türkischen Grenze in Nordsyrien schaffen. Dies untermauerte er am Freitag in einer Rede in Istanbul. "Wir werden nicht den Rückzug antreten", sagte Erdogan. "Wir werden diesen Kampf fortsetzen, bis alle Terroristen 32 Kilometer südlich unserer Grenze gehen."

US-Präsident Donald Trump drohte mit dem Einsatz "sehr weitreichender" Sanktionen gegen die Türkei. Wie US-Finanzminister Steven Mnuchin am Freitag vor Reportern sagte, sei die Regierung dabei, den Strafmaßnahmen zuzustimmen. Diese seien aber noch nicht "aktiviert". Zuvor hatte Trump noch angeboten, einen "Deal" zwischen der Türkei und der kurdischen YPG zu vermitteln.

Auch Frankreich drohte der Türkei mit EU-Sanktionen. Bei dem EU-Gipfel kommende Woche solle über Strafmaßnahmen gegen Ankara beraten werden, sagte die Europa-Staatssekretärin Amélie de Montchalin am Freitag. Die Niederlande setzten nach dem EU-Mitglied Finnland und dem Nato-Staat Norwegen alle Waffenexporte in die Türkei aus.

Die fünf EU-Mitglieder im UN-Sicherheitsrat hatten Ankara zuvor zum Stopp der Offensive aufgerufen. Eine gemeinsame Erklärung des Gremiums blockierte Russland allerdings am Freitag, wie die Nachrichtenagentur AFP aus Diplomatenkreisen erfuhr.

Die EU-Staaten fürchten, dass die Offensive den Kampf der YPG gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) schwächt und den tausenden Dschihadisten in kurdischer Haft eine Chance zur Flucht gibt. Am Freitag hieß es von kurdischen Behörden, dass bereits fünf IS-Kämpfer aus einem Gefängnis entkommen seien, nachdem türkische Granatenangriffe die Gegend rund um die Lager getroffen hätten.

EU-Ratspräsident Donald Tusk warf Erdogan derweil einen Erpressungsversuch vor, nachdem dieser den Europäern wegen ihrer Kritik an der Offensive mit einer Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge gedroht hatte. Die EU werde "niemals akzeptieren, dass Flüchtlinge zu Waffen gemacht und benutzt werden, um uns zu erpressen", sagte Tusk in Nikosia.


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