10.10.2019, 16:00 Uhr

Istanbul (AFP) Türkische Offensive in Nordsyrien treibt Zehntausende in die Flucht

Flüchtlinge
. Quelle: AFP/Delil SOULEIMAN (Foto: AFP/Delil SOULEIMAN)Flüchtlinge . Quelle: AFP/Delil SOULEIMAN (Foto: AFP/Delil SOULEIMAN)

Erdogan droht EU bei Kritik mit Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge

Zehntausende Menschen haben wegen der türkischen Offensive in Nordsyrien die Flucht ergriffen, während sich kurdische Kräfte an der Grenze den Angreifern entgegenstellten. Heftige Kämpfe wurden am Donnerstag um die syrischen Grenzstädte Ras al-Ain und Tal Abjad gemeldet. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan drohte der EU, die Grenzen für syrische Flüchtlinge zu öffnen, wenn die Europäer die Militäroffensive weiter kritisierten.

Die türkische Armee war nach stundenlangen Luftangriffen am Mittwochabend an mehreren Punkten über die Grenze vorgestoßen. Unterstützt wurde sie von dem Rebellenverband Syrische Nationalarmee. Am Donnerstag gab es neue Luftangriffe und Kämpfe an mehreren Stellen des 120 Kilometer langen Grenzabschnitts, auf den sich die Offensive konzentriert, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete.

Die türkischen Truppen und ihre syrischen Verbündeten hätten sieben Dörfer eingenommen, erklärte die oppositionsnahe Aktivistengruppe. Mindestens 23 kurdische Kämpfer und acht Zivilisten seien getötet worden. Auf türkischer Seite starben in den Grenzstädten Nusaybin, Ceylanpinar und Akcakale mindestens sechs Zivilisten beim Beschuss aus Syrien, wie die örtlichen Behörden mitteilten. Zudem gab es 70 Verletzte.

Auf syrischer Seite flohen zehntausende Menschen vor den Kämpfen. Seit Beginn der Militäroffensive am Mittwoch hätten mehr als 60.000 Menschen die Flucht ergriffen, erklärte die Beobachtungsstelle. Das International Rescue Comittee hat gewarnt, eine großangelegte Offensive könnte 300.000 Menschen in die Flucht treiben.

Die Türkei will mit der Offensive gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) eine "Sicherheitszone" entlang der Grenze in Nordsyrien schaffen. Die syrische Kurdenmiliz hatte eine zentrale Rolle im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) gespielt. Die Türkei betrachtet sie aber als Bedrohung, da sie eng mit den Rebellen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in der Türkei verbunden ist.

Angesichts der Kritik der Europäer drohte Erdogan, die Grenze für die syrischen Flüchtlinge zu öffnen, wenn sie sich nicht zurückhielten. "Wenn ihr unsere Operation als Invasion darzustellen versucht, ist unsere Aufgabe einfach: Wir werden die Türen öffnen und 3,6 Millionen Menschen werden zu euch kommen", sagte Erdogan. Auch hätten die Europäer ihre Hilfsversprechen aus dem Flüchtlingsdeal nicht eingehalten, kritisierte er.

Erdogan bekräftigte seine Absicht, einen Teil der syrischen Flüchtlinge in einer "Sicherheitszone" entlang der Grenze anzusiedeln. Die Türkei werde "mit internationaler Finanzierung" dort Siedlungen für eine Million Menschen bauen und sicherstellen, dass alle Flüchtlinge zurückkehren könnten, versprach Erdogan. Die Türkei werde "sehr rasch von Manbidsch bis an die irakische Grenze" für "Ruhe und Sicherheit" sorgen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warf der Türkei vor, "für Millionen Menschen ein humanitäres Risiko zu schaffen". Sie vergesse, dass die Priorität der internationalen Gemeinschaft der Kampf gegen die IS-Miliz sei, sagte Macron vor Journalisten. Mit der Offensive könnte die Türkei den Dschihadisten erlauben, ihr "Kalifat" wiederaufzubauen. Zu Erdogans Drohungen gegenüber Europa wollte er sich nicht äußern.

International hielt die Kritik an der Offensive weiter an: Nach den Niederlanden bestellten am Donnerstag auch Frankreich und Italien den türkischen Botschafter ein. Der Iran forderte von Ankara den "sofortigen Stopp" des Einsatzes, während Israel vor "ethnischen Säuberungen" durch die Türkei warnte und den Kurden humanitäre Hilfe anbot. Die Offensive sollte später am Donnerstag auch Thema im UN-Sicherheitsrat sein.

International besteht die Sorge, dass die Offensive den Kampf gegen die IS-Miliz schwächt. Insbesondere wird ein Ausbruch der tausenden IS-Kämpfer in kurdischer Haft befürchtet. Erdogan versicherte aber, die Türkei werde jene in Haft halten, die in Haft bleiben müssten. Andere Ausländer würden in ihre Heimatländer geschickt, sofern diese sie aufnehmen, sagte er. Auch die Türkei habe kein Interesse an einem Wiedererstarken des IS.


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