09.10.2019, 12:48 Uhr

Leipzig (AFP) Steinmeier fordert "neuen Solidarpakt der Wertschätzung"

Eine große "89" am Leipziger Gewandhaus. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Jan Woitas (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Jan Woitas)Eine große "89" am Leipziger Gewandhaus. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Jan Woitas (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Jan Woitas)

Bundespräsident würdigt in Leipzig friedliche Revolution vor 30 Jahren

30 Jahre nach der friedlichen Revolution hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Mut der Menschen in der damaligen DDR gewürdigt. "Der 9. Oktober war ein großer Tag in der deutschen Geschichte", sagte Steinmeier am Mittwoch beim Festakt zum Wendejubiläum in Leipzig. Zugleich warnte er vor einer weiteren Spaltung der Gesellschaft und forderte "einen neuen Solidarpakt der Wertschätzung" in der Gesellschaft.

Steinmeier erinnerte daran, dass die deutsche Einheit den Menschen viel abverlangt habe, vor allem den Ostdeutschen. "Sie haben Umbrüche gemeistert in einem Ausmaß, wie meine Generation im Westen sie nie kannte", betonte der Bundespräsident. Diese gewaltige Leistung sei "lange Zeit nicht ausreichend gewürdigt worden".

Viele verloren ihre Arbeit, Junge gingen in den Westen. "Dieser Aderlass hat tiefe Spuren hinterlassen", sagte Steinmeier. Die Auswirkungen der Wiedervereinigung wirkten zum Teil bis heute fort. Menschen fühlten sich abgehängt, es gebe eine Kluft zwischen Ost und West, zwischen Stadt und Land.

30 Jahre nach der entscheidenden Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 sehe er ein starkes, aber "auch ein in Teilen verunsichertes Land", fügte er hinzu. "Ich sehe ein Land, in dem sich Risse auftun." Diese Risse spiegelten sich nicht nur in Wahlergebnissen wider, sondern vor allem "in der Art und Weise, wie wir übereinander und wie wir über dieses Land reden".

Der Bundespräsident forderte "einen neuen Solidarpakt der Wertschätzung" in der Gesellschaft. Dazu gehöre, einander zuzuhören, zu respektieren und auch andere Standpunkte zu ertragen. "Wer andere abschreibt, ausgrenzt oder aufgibt, der hat im Grunde genommen auch die Demokratie schon abgeschrieben", betonte Steinmeier.

Es sei Aufgabe der Politik, überall für gleiche Lebensverhältnisse zu sorgen sowie Probleme und Ungleichheiten zu verändern. Die Verantwortung für die Demokratie trage aber jeder einzelne Bürger, sagte der Bundespräsident.

In Leipzig stellten sich am 9. Oktober 1989 rund 70.000 Menschen mit den Rufen "Keine Gewalt" und "Wir sind das Volk" den Sicherheitskräften entgegen. Das waren so viele wie nie zuvor. Polizei und Armee griffen nicht ein. Daher gilt der 9. Oktober als entscheidender Tag des Wendeherbsts. Vier Wochen später fiel die Mauer, nachdem es auch in anderen Städten der DDR Massenproteste gegeben hatte.

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) sagte, er verneige sich vor "jenen Mutigen, die 1989 Stück für Stück, Ort für Ort die Freiheit ertrotzt haben". Es gelte, die Erinnerungen an die Ereignisse wachzuhalten. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sieht alle Deutschen, vor allem die Ostdeutschen als "Gewinner" der Einheit. Er wünsche sich, "dass wir mutig nach vorn gehen und denen entgegentreten, die mit heruntergezogenen Mundwinkeln durchs Land laufen".

An die friedliche Revolution wird in Leipzig mit weiteren Veranstaltungen erinnert. Am Nachmittag war in der Nikolaikirche, die 1989 Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen war, das traditionelle Friedensgebet geplant. Zu einem Lichtfest wurden am Abend tausende Menschen erwartet. Dabei sollte auch die historische Demonstrationsstrecke auf dem Innenstadtring mit Licht illuminiert werden.


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