02.10.2019, 13:53 Uhr

Berlin (AFP) Forderungen nach mehr Beachtung ostdeutscher Lebensgeschichten zum Tag der Einheit

Frank-Walter Steinmeier. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Ralf Hirschberger (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Ralf Hirschberger)Frank-Walter Steinmeier. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Ralf Hirschberger (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Ralf Hirschberger)

Steinmeier: Vieles ist noch kein Bestandteil des "gesamtdeutschen Wir"

Anlässlich des Tages der deutschen Einheit am Donnerstag sind Forderungen laut geworden, den Leistungen der Menschen im Osten höhere Aufmerksamkeit zu geben. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte anlässlich der Verleihung von Bundesverdienstorden am Mittwoch: "Viele ostdeutsche Geschichten sind noch kein selbstverständlicher Bestandteil unseres gesamtdeutschen 'Wir' geworden." Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sieht ebenfalls die Leistungen der Menschen in Ostdeutschland auch fast 30 Jahre nach dem Mauerfall noch immer nicht gewürdigt.

"Der Osten hat einen gewichtigen Beitrag geleistet für das Wohlergehen unseres Landes", erklärte Ramelow am Mittwoch in Erfurt. Er verwies auf "Lohnunterschiede und Rentenungerechtigkeiten". Darüber hinaus sei die Zahl der Ostdeutschen in Führungspositionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur "unangemessen gering". Die neuen Ländern würden auch bei der Ansiedlung von Bundesbehörden benachteiligt.

Steinmeier verlieh anlässlich des Tages der deutschen Einheit 25 Bundesverdienstorden für außergewöhnliches Engagement unter anderem an den Rockmusiker Udo Lindenberg und den Astronauten Alexander Gerst. Ebenfalls ausgezeichnet wurden mehrere bekannte DDR-Bürgerrechtler und Demokratieaktivisten der Wendezeit, darunter Rainer Eppelmann und Jens Reich.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) rief zum aktiven Einsatz für die Demokratie auf. "Wir alle müssen die Werte der Wiedervereinigung im Kopf behalten und den Feinden der Demokratie entschieden entgegentreten", erklärte Bouffier am Mittwoch in Wiesbaden. Dass heutzutage alle in Deutschland in Freiheit leben könnten, sei eine große Errungenschaft der Nation.

Die Linke im Bundestag erhob schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung. Diese sei "ein Hindernis bei der Vollendung der deutschen Einheit", erklärten die Fraktionschefs Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch. Bei der Armut gehe es "in die komplett falsche Richtung". Mehr Menschen in Ost und West sind arm oder von Armut bedroht als in den 1990er Jahren.

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte (CDU), zog hingegen eine positive Bilanz. 70 Prozent der Ostdeutschen betrachten sich als Gewinner der Einheit", erklärte er. Allerdings seien sie gerade in den ersten Jahren nicht leicht errungen worden. Der Transformationsprozess in eine marktwirtschaftliche Ordnung habe den Menschen in Ostdeutschland viel abverlangt.

Die Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck erklärten, 30 Jahre nach dem Mauerfall seien noch nicht alle Umbrüche in Folge der Vereinigung überwunden. "Aber Menschen haben wieder zusammengefunden und es hat endlich eine offene, ehrliche und zugewandte Debatte über das Zusammenwachsen begonnen", erklärte sie.

Unterdessen wurde am Mittwoch in Kiel das Bürgerfest zum Tag der deutschen Einheit eröffnet. "Wir sagen 'Moin' zu Deutschland, sind bereit für unsere Gäste und freuen uns riesig", erklärte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU). Das Bundesland hat derzeit den Vorsitz im Bundesrat inne und richtet daher den zentralen Festakt zum Einheitstag aus. Das Bürgerfest gehört zum Rahmenprogramm des offiziellen Festakts, der am Mittwoch stattfindet.

Die Wiedervereinigung Deutschlands jährt sich am Donnerstag zum 29. Mal, der Fall der Mauer am 9. November 1989 zum 30. Mal.


0 Kommentare