01.10.2019, 17:28 Uhr

Berlin (AFP) Acht lebenslange Haftstrafen in Berliner Großprozess um Mord in Rockermilieu

Verteidigerriege zu Prozessbeginn 2014. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Matthias Balk (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Matthias Balk)Verteidigerriege zu Prozessbeginn 2014. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Matthias Balk (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Matthias Balk)

Urteil: Hells Angels ermordeten Opfer 2014 aus niederen Beweggründen

Fast fünf Jahre Prozess mit 300 Verhandlungstagen und 346 Zeugen: In Berlin ist am Dienstag ein Mordprozess gegen zehn Hells-Angels-Rocker mit acht lebenslangen Haftstrafen zu Ende gegangen. Die Strafkammer am Berliner Landgericht zeigte sich davon überzeugt, dass sieben der Männer den 26-jährigen Tahir Ö. am 10. Januar 2014 in einem Berliner Wettlokal gemeinschaftlich und aus niederen Beweggründen ermordeten.

Der Angeklagte Kadir P., Chef der Berliner Hells-Angels-Gruppe, stiftete sie demnach dazu an. Auch er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein weiterer Angeklagter wurde ebenfalls wegen gemeinschaftlichen Mordes verurteilt. Sein Strafmaß wurde wegen umfassender Aufklärungshilfe jedoch auf zwölf Jahre gemindert.

Dem zehnten Angeklagten konnte keine Beteiligung an dem Mord nachgewiesen werden. Er wurde lediglich wegen illegalen Waffenbesitzes zu einem Jahr und zehn Monaten Haft verurteilt. Die Kammer folgte mit den Urteilen weitgehend den Plädoyers der Staatsanwaltschaft.

Hintergrund der Tat war eine tiefe Fehde zwischen P. und dem Opfer Ö., wie es in der rund dreistündigen Urteilsbegründung hieß. Beide seien "dissoziale Alpha-Tiere" und vorher schon häufig miteinander in Streit geraten. Konkret kam es im Oktober 2013 zu einer Auseinandersetzung zwischen Türstehern einer Disko und Hells-Angels-Mitgliedern. Dabei fügte das spätere Mordopfer Ö. einem Hells-Angels-Rocker eine Stichverletzung zu. Daraufhin gab Rocker-Chef P. aus Rache den Mord an Ö. in Auftrag, wie sich das Gericht überzeugt zeigte.

Am 10. Januar 2014 stürmten dann insgesamt 13 teilweise maskierte Männer das Wettbüro in Berlin-Reinickendorf. Zielgerichtet liefen sie in den Schankraum, wo sich Ö. aufhielt. Der voranlaufende Recep O. feuerte acht Schüsse auf den 26-Jährigen ab, direkt danach verließen sämtliche Hells Angels geschlossen das Lokal. "Im Stile eines Überfallkommandos" sei dies geschehen, hieß es in der Urteilsbegründung. Die gesamte Tat dauerte 25 Sekunden und wurde von einer Überwachungskamera aufgezeichnet.

Alle Haftstrafen wegen Mordes beziehungsweise Anstiftung zum Mord wurden um etwa zwei Jahre verkürzt. Denn die Richter konnten "staatliches Fehlverhalten" im Vorfeld der Tat nicht ausschließen: Im Laufe des Verfahrens wurden Vorwürfe gegen Ermittler erhoben, die die Tat offenbar hätten verhindern können. Sie hatten demnach bereits Monate vor der Tat, aber spätestens fünf Tage zuvor, von dem konkreten Tötungsauftrag gegen Ö. erfahren. Dennoch wurde er nicht geschützt.

"Angesichts der Kaltblütigkeit der Tat halte ich dieses Urteil für absolut angemessen", erklärte Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Dienstag. Er zeigte sich "froh und erleichtert", dass nach so langer Zeit ein Urteil gesprochen wurde. Der Prozess begann bereits Ende 2014.

Vor dem Landgericht Köln begann derweil ein weiterer Prozess gegen mutmaßliche Mitglieder der Hells Angels wegen Mordes an einem Mann in einer Gaststätte. Die beiden Hauptangeklagten in dem Kölner Verfahren sollen im November 2015 mit weiteren Mittätern gewaltsam in die Gaststätte eingedrungen sein, weil sie sich für einen vorherigen Einbruch in einen Hells-Angels-Treffpunkt rächen wollten.

Bei dem Angriff in der Gaststätte wurde einem Mann aus kurzer Distanz in den Oberkörper geschossen. Er starb noch am Tatort. Zwei weitere Männer wurden angeschossen, überlebten die Schüsse aber nach mehrwöchigen Krankenhausaufenthalten. Für den Prozess beraumte das Kölner Landgericht zunächst insgesamt 25 Verhandlungstage bis zum 20. Dezember an.


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