19.09.2019, 11:17 Uhr

Tokio (AFP) Japanisches Gericht spricht drei Ex-Manager nach Atomunglück von Fukushima frei


Richter sehen keine Fahrlässigkeit - Urteil löst Wut bei Betroffenen aus

Achteinhalb Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima hat ein japanisches Gericht drei ehemalige Manager des Kraftwerksbetreibers Tepco vom Vorwurf der Fahrlässigkeit mit Todesfolge freigesprochen. "Alle Angeklagten sind unschuldig", sagte der Vorsitzende Richter Kenichi Nagafuchi am Donnerstag in Tokio. Ehemalige Bewohner der Region um das Atomkraftwerk reagierten wütend und fassungslos auf den Freispruch im einzigen Strafverfahren zu der Atomkatastrophe.

Das Gericht kam zu dem Schluss, die drei Angeklagten könnten nicht für die Folgen des Atomunglücks im Kraftwerk von Fukushima verantwortlich gemacht werden. Es habe keine Anweisung der staatlichen Atomaufsicht gegeben, "dass Tepco den Betrieb einstellen sollte, bis (Sicherheits-)Maßnahmen getroffen sind", sagte er.

In dem Kraftwerk war nach einem schweren Erdbeben und Tsunami am 11. März 2011 das Kühlsystem ausgefallen, woraufhin es in mehreren Reaktoren zur Kernschmelze kam. Durch das Erdbeben und die meterhohe Flutwelle waren rund 18.500 Menschen ums Leben gekommen.

In Folge des Atomunglücks gab es offiziell keine Todesfälle. Die Anklage wegen Fahrlässigkeit mit Todesfolge bezog sich auf den Tod von mehr als 40 Krankenhauspatienten, die nach dem Atomunglück hastig in Sicherheit gebracht worden und später gestorben waren.

Im Falle einer Verurteilung hätten den drei Ex-Managern bis zu fünf Jahre Haft gedroht. Die Anklage warf ihnen vor gewusst zu haben, dass für das Atomkraftwerk Fukushima Tsunami-Gefahr bestand, gegen die es keinen ausreichenden Schutz gab.

Sie seien von Experten darauf hingewiesen worden, dass ein Tsunami mit über zehn Meter hohen Wellen zum Stromausfall und einer größeren Katastrophe in dem Atomkraftwerk führen könne. In einer internen Tepco-Studie auf Grundlage eines Regierungsberichts sei darauf hingewiesen worden, dass ein Beben der Stärke 8,3 eine bis zu 15,7 Meter hohe Welle zur Folge haben könne, argumentierte die Anklage. Das Erdbeben von 2011 hatte eine Stärke von 9,0. Bis zu 14 Meter hohe Wellen überfluteten das Kühlsystem der Reaktoren.

Die drei Angeklagten - Ex-Tepco-Chef Tsunehisa Katsumata (79) und die beiden Vize-Präsidenten Sakae Muto (69) und Ichiro Takekuro (73) - hatten auf nicht schuldig plädiert und erklärt, die ihnen damals zur Verfügung stehenden Daten seien unzuverlässig gewesen. Tepco wollte das Urteil nicht kommentieren. Der Betreiber wiederholte seine "aufrichtige Entschuldigung für die großen Unannehmlichkeiten und Sorgen".

Nach dem Urteilsspruch erschallte von der Empore des Gerichtssaals die Stimme einer Frau: "Unglaublich". Vor dem Gerichtssaal protestierten Dutzende Menschen. "Das ist extrem frustrierend", sagte Ayako Oga, die Fukushima nach der Atomkatastrophe verlassen musste. "In diesen achteinhalb Jahren mussten so viele Menschen ihre Häuser verlassen ... und sie bleiben Vertriebene und können nicht entscheiden, wo sie leben wollen", sagte eine andere Frau. Zehntausende Menschen waren nach der Katastrophe in Sicherheit gebracht worden, weitere flohen aus Angst vor der nuklearen Strahlung.

Gegen die Gerichtsentscheidung wird voraussichtlich Berufung eingelegt, womit sich das juristische Tauziehen um die Verantwortung für die Katastrophe weiter hinziehen wird.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Anklageerhebung gegen die Ex-Manager unter Verweis auf mangelnde Beweise und geringe Erfolgsaussichten zwei Mal abgelehnt. Ein mit Laien besetzter Ausschuss zur Überprüfung von Justizentscheidungen ordnete jedoch 2015 ein Verfahren gegen die drei Männer an.

Die Atomkatastrophe von Fukushima war der weltweit schwerste Atomunfall seit dem GAU in Tschernobyl 1986. Drei der sechs Reaktoren wurden bei der Katastrophe zerstört, das Gebiet im weiten Umkreis wurde radioaktiv verseucht und ist bis heute unbewohnbar.


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