17.09.2019, 12:33 Uhr

Washington (AFP) Greta Thunberg mit Amnesty-Titel "Botschafterin des Gewissens" ausgezeichnet

Thunberg nimmt die Amnesty-Auszeichnung entgegen. Quelle: AFP/ANDREW CABALLERO-REYNOLDS (Foto: AFP/ANDREW CABALLERO-REYNOLDS)Thunberg nimmt die Amnesty-Auszeichnung entgegen. Quelle: AFP/ANDREW CABALLERO-REYNOLDS (Foto: AFP/ANDREW CABALLERO-REYNOLDS)

Klima-Forscher halten Temperaturanstieg um sieben Grad bis 2100 für möglich

Die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg und die Protestbewegung "Fridays for Future" sind von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (ai) mit dem Preis "Botschafter des Gewissens" ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung gelte nicht nur ihr, sondern den Millionen Jugendlichen, die seit dem vergangenen Jahr an den weltweiten Schülerdemonstrationen teilnehmen, sagte die 16-Jährige am Montag (Ortszeit) bei der Verleihung in Washington. Nach neuen Modellrechnungen französischer Wissenschaftler könnten die durchschnittlichen Temperaturen bis 2100 weltweit um bis zu sieben Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter ansteigen, wenn nicht radikal umgesteuert wird.

Bislang sei die Politik, die zur Bewältigung der Klima-Krise nötig sei, "einfach nicht vorhanden", sagte Thunberg bei der Entgegennahme der Auszeichnung an der George-Washington-Universität. "Daher muss jeder einzelne von uns von jeder möglichen Seite aus Druck machen, um die Zuständigen zur Verantwortung zu ziehen und um die Leute an der Macht zum Handeln zu bringen."

Amnesty-Generalsekretär Kumi Naidoo sagte, die Jugendlichen der Fridays-for-Future-Bewegung spielten eine "sehr wichtige Rolle bei der Erziehung ihrer eigenen Eltern". Der Klimawandel wirke zusehends in das Feld der Menschenrechte hinein, ergänzte Naidoo unter Hinweis auf die Rechte von Flüchtlingen, Ureinwohnern, Menschenrechtsaktivisten und von Umweltschützern, die wegen ihres Einsatzes umgebracht werden.

Thunberg begann im Sommer 2018 in Schweden mit ihrem Schulstreik für den Klimaschutz. Seitdem verbreiteten sich die Freitags-Demonstrationen unter dem Namen "Fridays for Future" in aller Welt. Ende Mai kündigte Thunberg an, ein Jahr mit der Schule auszusetzen und im September am Weltklimagipfel in New York teilzunehmen. Für Freitag ist ein weltweiter "Klima-Streik" angekündigt.

An der George-Washington-Universität warnte Thunberg vor der "Zerstörung" des Planeten, stellte aber auch ein "Erwachen" fest. Sie forderte dazu auf, an künftigen Klimaprotesten teilzunehmen. Für Freitag ist in New York eine große Kundgebung geplant. Die Jugendlichen von 1700 Schulen erhielten die Erlaubnis, für die Teilnahme daran dem Unterricht fernzubleiben. Für Samstag ist dann am Sitz der UNO in New York der erste Klima-Gipfel der Jugend geplant, an dem 500 Umweltaktivisten teilnehmen.

Bislang sind laut der Organisation Climate Action Tracker (CAT) lediglich Marokko und Gambia ausreichende Verpflichtungen eingegangen, um die sich aus dem Pariser Klima-Abkommen von 2015 ergebenden Anforderungen zu erfüllen. Von etwa 60 Staaten würden beim bevorstehenden Weltklimagipfel in New York Ankündigungen für verstärkte Anstrengungen zum Klimaschutz erwartet, sagte Alden Meyer von der Vereinigung Union of Concerned Scientists (UCS). UN-Generalsekretär Antonio Guterres erwarte aber keine "blumigen Reden", sondern "konkrete Pläne" und "nationale Verpflichtungen".

Neue Modellrechnungen zum Klimawandel verdüsterten unterdessen die Aussichten gegenüber bisherigen Berechnungen: Bis 2100 halten die Forscher vom Klimazentrum Pierre Simon Laplace in Paris einen Anstieg der durchschnittlichen Temperaturen von bis zu sieben Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter für möglich. Dieser Wert liegt um zwei Grad über der Berechnungsgrundlage des 5. Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC aus dem Jahr 2014. Damit sinken die Spielräume für weiterhin tolerierbare CO2-Emissionen in den Berechnungen des Weltklimarats.

Die Modellrechnung des Klimazentrums Pierre Simon Laplace deutet darauf hin, dass die sogenannte Gleichgewichtsklimasensitivität (ECS) zunimmt und die steigenden CO2-Werte zu einer beschleunigten Erderwärmung führen. Steigende ECS-Werte hätten eine "größere Wahrscheinlichkeit" verstärkter Erderwärmung zur Folge, erläuterte der Leiter des Laplace-Zentrums, Olivier Boucher. Damit bleibe weniger Zeit für eine Umstellung und etwa für die Vermeidung der Schmelze der Permafrost-Böden. Durch diese Schmelze werden voraussichtlich Milliarden Tonnen CO2 und Methan frei, was die Erderwärmung weiter verstärkt. Die weltweiten Treibhausgas-Emissionen müssten "eher heute als morgen" verringert werden, forderte Joeri Rogelj vom Imperial College in London.


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