04.09.2019, 20:07 Uhr

London (AFP) Britische Abgeordnete verabschieden Gesetz gegen No-Deal-Brexit

Johnson stellt vorgezogene Neuwahlen zur Abstimmung. Quelle: PRU/AFP/- (Foto: PRU/AFP/-)Johnson stellt vorgezogene Neuwahlen zur Abstimmung. Quelle: PRU/AFP/- (Foto: PRU/AFP/-)

Johnson stellt nach Niederlage sofort vorgezogene Neuwahlen zur Abstimmung

Im Ringen um den EU-Austritt Großbritanniens hat Regierungschef Boris Johnson erneut eine verheerende Niederlage im Parlament erlitten - und als Reaktion darauf umgehend vorgezogene Neuwahlen zur Abstimmung gestellt. Die Abgeordneten verabschiedeten am Mittwochabend einen von Johnson mit aller Macht bekämpften Gesetzentwurf, der einen Brexit ohne Abkommen mit der EU verhindern soll. Auch bei der von ihm beantragten Abstimmung über Neuwahlen drohte dem Premierminister eine Niederlage.

Der von den Abgeordneten verabschiedete Gesetzentwurf sieht eine Verschiebung des bisher für Ende Oktober geplanten EU-Austritts bis zum 31. Januar vor, falls es keine Einigung auf ein Abkommen mit Brüssel gibt. Bei der Abstimmung nach dritter Lesung votierten im Unterhaus in London 327 Abgeordnete für die Vorlage und damit gegen den erklärten Willen von Johnson. Nur 299 votierten dagegen.

Als nächstes muss nun auch das Oberhaus den Entwurf billigen. Es besteht immenser Zeitdruck: Bereits in der kommenden Woche beginnt eine von Johnson angeordnete Zwangspause für das Parlament bis Mitte Oktober.

Der Regierungschef will den Brexit mit aller Macht zum 31. Oktober - egal ob mit oder ohne Abkommen mit der EU. Er hat wegen des Streits am Dienstag sogar mehrere Abweichler seiner konservativen Tory-Fraktion aus der Partei werfen lassen. Nach der Niederlage bei der No-Deal-Abstimmung griff er am Mittwochabend nun zum letzten Mittel. "Jetzt muss es eine Wahl am Dienstag, 15. Oktober, geben", forderte er. "Es gibt nur einen Weg vorwärts für dieses Land." Über den Antrag sollte noch am Abend abgestimmt werden.

Für vorgezogene Neuwahlen ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament erforderlich - also auch die Unterstützung der oppositionellen Labour-Partei. Diese hatte in den vergangenen Monaten zwar immer wieder Neuwahlen gefordert, es wurde aber erwartet, dass sich ihre Abgeordneten nun enthalten würden. Die Opposition befürchtet, dass Johnson im Falle eines "Ja" zu Neuwahlen diese eigenmächtig auf die Zeit nach dem 31. Oktober verschieben könnte - und so doch noch einen No-Deal-Brexit durchsetzen könnte.

Labour-Chef Jeremy Corbyn nannte Johnsons Vorgehen "zynisch". "Der Regierungschef tut so, als habe er eine Strategie. Aber er kann uns nicht sagen, welche."

In Umfragen hat Johnson durch seinen Konfrontationskurs zuletzt massiv an Zustimmung gewonnen. Durch vorgezogene Neuwahlen könnte er sich womöglich eine neue Regierungsmehrheit im Parlament sichern, die er durch den Fraktionswechsel eines Abgeordneten und den Parteiausschluss der Tory-Rebellen verloren hat.

Am Mittwoch kündigte die Regierung zudem ein Ende der jahrelangen Sparpolitik im Königreich an, was weitere Pluspunkte beim Wähler bringen könnte. So solle es 20.000 neue Stellen bei der Polizei, sowie 6,2 Milliarden Pfund (6,85 Milliarden Euro) zusätzlich für den staatlichen Gesundheitsdienst NHS geben, sagte Finanzminister Sajid Javid. Zugleich kündigte er zur Bewältigung der Brexit-Folgen zusätzliche Ausgaben von zwei Milliarden Pfund an.

Javids Rede wurde von oppositionellen Abgeordneten immer wieder mit Spott und Buhrufen bedacht. Sie warfen der Regierung vor, jetzt schon mit dem Wahlkampf zu beginnen.

Rückenwind bekam Johnson auch durch die britische Zentralbank. Diese erklärte, die Risiken eines No-Deal-Brexits wären inzwischen "weniger schlimm" als bisher gedacht, weil die Vorbereitungen verbessert worden seien. Auch die EU-Kommission verstärkte ihre Vorbereitungen. Für den No-Deal-Fall stellte sie 780 Millionen Euro an Finanzhilfen für die Mitgliedstaaten bereit.


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