08.08.2019, 12:52 Uhr

Berlin (AFP) IPCC-Bericht treibt Debatte über Umsteuern bei Landwirtschaft und CO2-Ausstoß an

Zerstörte Wälder in Niedersachsen. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Julian Stratenschulte (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Julian Stratenschulte)Zerstörte Wälder in Niedersachsen. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Julian Stratenschulte (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Julian Stratenschulte)

Grüne fordern von Regierung relevante Maßnahmen statt Klein-Klein

Der Sonderbericht des Weltklimarats zur Landnutzung treibt in Deutschland die Debatte über ein Umsteuern bei Landwirtschaft und CO2-Ausstoß an. "Wir müssen jetzt die Priorität auf Klimaschutz setzen", sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt forderte vom Klimakabinett der Bundesregierung am 20. September "wirklich relevante Vorschläge" zu Kohleausstieg, Verkehr und Flächennutzung, "kein Klein-Klein mehr".

Der Weltklimarat IPCC fordert in seinem Sonderbericht ein radikales Umsteuern bei der Bewirtschaftung von Land und Wäldern. Die Ausbeutung von Land, die Abholzung von Wäldern, Lebensmittelverschwendung und Emissionen aus der Landwirtschaft müssten drastisch reduziert werden.

Schulze drängte darauf, den Anteil des Öko-Landbaus in Deutschland auf die schon länger anvisierten 20 Prozent zu erhöhen. Indirekt kritisierte Schulze das bestehende System der Massentierhaltung und Intensivlandwirtschaft. Sie wandte sich dagegen, "dass wir Soja importieren, um Tiere zu füttern, Tiere in einer Menge, dass wir mit der Gülle nicht mehr klarkommen". Dies sei "keine Landwirtschaft, die wirklich nachhaltig ist".

"Die EU sollte nur noch nachhaltiges Soja und Palmöl importieren", forderte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Er kritisierte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe, dass weltweit für Soja- und Palmölplantagen "alle vier Sekunden die Fläche eines Fußballfelds abgeholzt" werde.

Eine andere, nachhaltige Agrarpolitik, inklusive einer Tierhaltung, "die auf Klasse statt Masse setzt", forderte auch Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer. Einen "schrittweisen Ausstieg aus der Megastall-Tierhaltung" verlangte der Linken-Klimaexperte Lorenz Gösta Beutin.

Auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) räumte in einer Stellungnahme zum IPCC-Bericht die Notwendigkeit für "mehr Nachhaltigkeit und die Schonung unserer Ressourcen" ein. Sie warb für eine "Digitalisierung der Landwirtschaft" und den Einsatz "moderner Pflanzenzüchtungen".

Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Johan Rockström, warnte, "dass sich das Zeitfenster für entschlossene Maßnahmen schnell schließt". Der Bericht des Weltklimarats bestätige, "dass wir vor einem planetaren Notstand stehen". Ein Umsteuern sei "die einzige Handlungsoption, die möglich ist", sagte der Klimaforscher Hans-Otto Pörtner in Berlin.

Forderungen nach einem radikalen Umsteuern erhoben auch Umwelt- und Entwicklungsorganisationen. "Raus aus Kohle, Öl und Gas und zugleich eine Agrar- und Waldwende", dafür müsse die Bundesregierung jetzt die Weichen stellen, sagte der Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland, Martin Kaiser, der Nachrichtenagentur AFP.

"Eine Politik, die die Welt mit billigem Fleisch ernähren will, fährt das Klima vor die Wand", warnte der Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), Kai Niebert. Der dafür notwendige Sojaanbau und die entstehende Gülle zerstörten weltweit wertvolle Böden und heizten dem Klima ein. Auf EU-Ebene forderte er "eine Revolution der gemeinsamen Agrarpolitik".

Der Klimaexperte der Organisation Oxfam, Jan Kowalzig, verwies auf die Warnungen des IPCC, wonach "eine Erwärmung um drei bis vier Grad Celsius, auf die wir uns derzeit zubewegen, die weltweite Nahrungsmittelversorgung schwer und unumkehrbar beeinträchtigen dürfte". "Bei der Landwirtschaft müssen wir weg von einem System der Überproduktion und des Überkonsums", forderte der WWF-Agarexperte Rolf Sommer. Zugleich müssten der Kohleausstieg und der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben werden.


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