08.08.2019, 11:54 Uhr

Berlin (AFP) Krankenkasse warnt vor gefährlichen Impflücken bei hunderttausenden Kindern

Eine Flüssigkeit tropft aus der Kanüle einer Spritze
. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Karl-Josef Hildenbrand (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Karl-Josef Hildenbrand)Eine Flüssigkeit tropft aus der Kanüle einer Spritze . Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Karl-Josef Hildenbrand (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Karl-Josef Hildenbrand)

Studie: Zweijährige oft ohne vollständigen Masernschutz

Die Krankenkasse Barmer warnt vor gefährlichen Impflücken bei mehreren hunderttausend Kindern. Mehr als jedes fünfte 2015 in Deutschland geborene Kleinkind sei in seinen beiden ersten Lebensjahren nicht oder unvollständig gegen Masern geimpft worden, teilte sie am Donnerstag in Berlin unter Verweis auf eine eigene Untersuchung mit. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erklärte, zu viele Kinder hierzulande seien "unnötig gefährdet".

Die Untersuchung der Barmer beruht auf der Auswertung von Daten ihrer Versicherten, die auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wurden. Demnach gab es knapp 166.000 Zweijährige, die im Jahr 2017 ohne vollständigen Masernschutz waren. "In Deutschland werden immer noch zu wenige Kinder geimpft - das macht die Ausrottung bestimmter Infektionskrankheiten unmöglich und verhindert den Schutz für all diejenigen, die sich nicht impfen lassen können", warnte Barmer-Vorstandschef Christoph Straub.

Die Studie erbrachte der Kasse zufolge auch, dass Impflücken bei älteren Kindern gravierender sind als angenommen. Demnach wurde bei Kindern im einschulungsfähigen Alter im Jahr 2017 bei keiner der 13 am weitesten verbreiteten Infektionskrankheiten eine Impfquote von mehr als 90 Prozent erreicht. Demnach gilt 95 Prozent als Minimum, ab der in der Gesamtbevölkerung ein permanenter Schutz auch für ungeimpfte Menschen angenommen wird.

Laut Autoren ermittelt der Report der Barmer in diesem Punkt realistischere Zahlen als die Schuleingangsuntersuchungen, die bei Debatten über Impfquoten oft als Datenbasis dienen. Bei diesen werde lediglich der Grad des Impfschutzes jener Kinder ermittelt, die einen Impfpass hätten. Da nicht geimpfte Kinder keinen Impfpass hätten, führe dies zu irreführenden Zahlen.

Im Zusammenhang mit den Impflücken bei Masern verwies Spahn in Berlin auf die von der Bundesregierung vor rund drei Wochen auf den Weg gebrachte Impfpflicht. "Kein Kind muss heutzutage mehr an Masern leiden, erklärte er. Der Minister rief zugleich Krankenkassen auf, Aufklärungskampagnen zu starten und mit Schulen zu kooperieren. "Impfen muss Alltag für alle werden."

Nach kontroversen Diskussionen über das Für und Wider hatte das Bundeskabinett Mitte Juli einen Gesetzentwurf beschlossen, der eine Masernimpfpflicht für Kinder und Personal in Schulen und Kindertagesstätten vorsieht. Sie soll ab dem 1. März kommenden Jahres greifen. Auch Mitarbeiter medizinischer Einrichtungen müssen sich impfen lassen, wenn sie nach 1970 geboren wurden und die Krankheit im Laufe ihres Lebens bislang nicht hatten.

Der Gesetzentwurf muss noch das Parlament passieren. Masern sind eine äußerst ansteckende Viruserkrankung, bei der es zu lebensgefährlichen Komplikationen kommen kann. Sie breiten sich laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter ungeimpften Menschen leicht aus. Ausbrüche lassen sich demnach nur verhindern, wenn mindestens 95 Prozent der Bevölkerung alle nötigen Impfungen erhielten. Impfungen sind seit den 60er Jahren verfügbar.

In Deutschland erkranken jedes Jahr mehrere hundert Menschen. Die Zahlen schwanken, weil Ausbrüche oft regional in Wellenform verlaufen. Unter anderem ist eine Immunisierung von Säuglingen im Alter bis zu neun Monaten noch nicht möglich, weshalb sie durch Ansteckungen bei ungeimpften anderen Menschen gefährdet sind. Die WHO will die Masern weltweit bis zum kommenden Jahr ausrotten.

Die Barmer-Studie dokumentierte auch regional unterschiedliche Impfquoten bei Kindern. In Bayern waren demnach 5,3 Prozent aller Zweijährigen überhaupt nicht geimpft, in Brandenburg nur 2,2 Prozent. Insgesamt waren die Impfquoten laut Kasse auch in Baden-Württemberg, Thüringen und Bremen eher niedrig. Dagegen waren sie auch in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz vergleichsweise hoch.


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