03.07.2019, 11:23 Uhr

Gütersloh (AFP) Mehr als die Hälfte der Kinder erfährt in Schule Ausgrenzung oder Gewalt

Ein Klassenzimmer in Thüringen. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Martin Schutt (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Martin Schutt)Ein Klassenzimmer in Thüringen. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Martin Schutt (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Martin Schutt)

Familienministerin Giffey nennt Erkenntnisse "gravierend"

Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen erfährt in der Schule Ausgrenzung, Hänseleien oder körperliche Gewalt. Das geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung hervor. In Gesamt- und Sekundarschulen geben demnach 39 Prozent der Befragten an, mindestens zwei der genannten Übergriffe im vergangenen Monat erlebt zu haben. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bezeichnete die Erkenntnisse als "gravierend".

An Haupt- und Realschulen geben 35 Prozent und an Gymnasien 29 Prozent an, dass sie zwei oder mehr derartige Übergriffe erlebt haben. "Irritiert" zeigen sich die Studienautoren von der hohen Zahl bei Grundschülern: 54 Prozent der Befragten geben an, von mindestens zwei Übergriffsformen betroffen zu sein. Gleichzeitig fühlt sich mehr als die Hälfte der Grundschüler in der Schule zu hundert Prozent sicher. Die Autoren mutmaßen, der Schweregrad der Übergriffe in der Grundschule sei niedriger als bei älteren Schülern.

Zudem fühlt sich ein Teil der Heranwachsenden insbesondere in der Schule nicht ernst genommen. Nur gut ein Drittel (34 Prozent) der 14-Jährigen kann dort nach eigenen Angaben mitbestimmen, bei den Achtjährigen ist es immerhin jeder zweite. Bei der Unterscheidung nach Schultypen sehen sich Gymnasiasten mit 13 Prozent am wenigsten beteiligt. Die Studienautoren warnen davor, diesen Trend auf die oft beschriebene Rebellion in der Pubertät zu schieben. Diese Haltung verhindere schon lange, Kritik der jungen Generation aufzunehmen und Macht entsprechend zu teilen.

Kinder mit materiellen Sorgen haben den Ergebnissen zufolge zudem insgesamt ein schwächeres Sicherheitsgefühl und machen häufiger Gewalterfahrungen. Trotz der grundsätzlich guten Ausstattung etwa mit einem Handy machen sich demnach rund 52 Prozent der Heranwachsenden Sorgen um die finanzielle Situation ihrer Familie.

Diese Kinder werden der Studie zufolge häufiger gehänselt, ausgegrenzt und absichtlich geschlagen als Gleichaltrige ohne finanzielle Sorgen. Sie fühlen sich zu Hause, in der Schule und Nachbarschaft oft nicht sicher und haben außerdem weniger Möglichkeiten, Dinge mit ihren Freunden zu unternehmen, die Geld kosten.

Insgesamt sprechen mehr als drei Viertel aller befragten Kinder und Jugendlichen von einem hohen Sicherheitsgefühl in der Schule sowie ihrer Nachbarschaft. In der Frage schneidet das Zuhause am besten ab: Neun von zehn Befragten fühlen sich dort sehr oder zu gar zu hundert Prozent sicher. Allerdings geben auch drei Prozent an, sich nirgendwo sicher zu fühlen.

Die Studie zeigt demnach auch, dass viele Kinder ihre Rechte nicht oder nicht richtig kennen. An Gymnasien haben 47 Prozent der Jugendlichen kein oder nur unsicheres Wissen über ihre Rechte, an Grundschulen sind es sogar 63 Prozent der Kinder. Studienautorin Sabine Andresen von der Universität Frankfurt am Main sieht dringenden Handlungsbedarf der Politik. Im 30. Jahr der UN-Kinderrechtskonvention sei es "ernüchternd", dass Kinder und Jugendliche oft ihre Rechte auf körperliche Unversehrtheit sowie auf Beteiligung in Dingen, die sie betreffen, nicht kennen.

Familienministerin Giffey bestätigte die Erkenntnisse der Studie zu Gewalt und Mobbing. "Gewalt und Mobbing in der Schule gehen an niemandem spurlos vorbei", erklärte sie. Die SPD-Politikerin warnte vor schlimmen Folgen "von der Schulverweigerung bis hin zum Selbstmord".

Datengrundlage der Studie ist die aktuelle Welle der internationalen Kinder- und Jugendbefragung Children’s Worlds für Deutschland. Befragt wurden im Schuljahr 2017/2018 knapp 3450 Schüler von acht bis vierzehn Jahren.


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