01.07.2019, 19:06 Uhr

Agrigent (AFP) "Sea-Watch-3"-Kapitänin bleibt vorerst unter Hausarrest

Rackete bleibt vorerst unter Hausarrest. Quelle: LOCALTEAM/AFP/Archiv/Anaelle LE BOUEDEC (Foto: LOCALTEAM/AFP/Archiv/Anaelle LE BOUEDEC)Rackete bleibt vorerst unter Hausarrest. Quelle: LOCALTEAM/AFP/Archiv/Anaelle LE BOUEDEC (Foto: LOCALTEAM/AFP/Archiv/Anaelle LE BOUEDEC)

Italienisches Gericht vertagt Entscheidung auf Dienstag

Die in Italien festgenommene deutsche Kapitänin der "Sea-Watch 3", Carola Rackete, bleibt vorerst unter Hausarrest. Das Gericht im sizilianischen Agrigent habe die Entscheidung auf Dienstag vertagt, teilte die Hilfsorganisation Sea-Watch am Montag im Kurzbotschaftendienst Twitter mit. Die 31-jährige Deutsche wird beschuldigt, ein Schnellboot der italienischen Polizei und die Menschen an Bord in Gefahr gebracht zu haben. Im Falle eines Schuldspruchs drohen ihr bis zu zehn Jahre Haft.

Rackete war in der Nacht zum Samstag festgenommen und unter Hausarrest gestellt worden, nachdem sie ihr Schiff "Sea-Watch 3" mit 40 Migranten an Bord trotz des Verbots der italienischen Behörden in den Hafen der Mittelmeerinsel Lampedusa gesteuert hatte. Dabei stieß die "Sea-Watch 3" gegen ein Schnellboot der Polizei, das das Schiff am Anlegen hindern wollte.

Wegen Widerstands gegen ein Kriegsschiff drohen ihr bis zu zehn Jahre Haft. Bei einer weiteren Anhörung am 9. Juli wird es um den Vorwurf der Beihilfe zur illegalen Einwanderung gehen.

Am Montagnachmittag war sie einer Ermittlungsrichterin vorgeführt worden. Die Anhörung dauerte mehr als drei Stunden. Ihr Anwalt Alessandro Gamberini verteidigte Racketes Handeln. Die Lage an Bord habe sich "allmählich verschlechtert". Wegen des langen Wartens "drohte die Situation außer Kontrolle zu geraten". Die "Sea-Watch 3" hatte am 12. Juni 53 Menschen vor der Küste Libyens gerettet. 13 von ihnen waren zwischenzeitlich an Land gebracht worden. Die restlichen 40 harrten bis Samstag auf dem Schiff aus.

Der Staatsanwalt Luigi Patronaggio wies die Argumentation zurück. Die Menschen an Bord der "Sea-Watch 3" hätten ärztliche Hilfe erhalten. Zudem habe die Besatzung in ständigem Kontakt mit allen Behörden gestanden und jede Form von Unterstützung erhalten. Die italienische Staatsanwaltschaft forderte ein Aufenthaltsverbot für Rackete. Sollte das Gericht dem folgen, käme die 31-Jährige bis zu ihrer Verhandlung auf freien Fuß und würde rasch ausgewiesen.

Sea-Watch verteidigte am Sonntag das Manöver der Kapitänin. Sie habe sich "sehr langsam" genähert, um dem Polizeiboot genug Zeit zu geben, auszuweichen. Die beiden Boote hätten sich "kaum berührt".

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) forderte, Rackete auf freien Fuß zu setzen. "Aus unserer Sicht kann am Ende eines rechtsstaatlichen Verfahrens nur die Freilassung von Carola Rackete stehen", schrieb er auf Twitter. Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rechtsradikalen Lega erwiderte, Maas solle "seine Mitbürger dazu einladen, die italienischen Gesetze nicht zu brechen".

Bei Spendenaktionen zugunsten der Hilfsorganisation Sea-Watch und der festgenommenen Kapitänin kamen innerhalb kurzer Zeit mehr als 1,2 Millionen Euro zusammen. Papst Franziskus kündigte für den 8. Juli eine Messe nur für Flüchtlinge und ihre Helfer im Petersdom an.

Die Festnahme der jungen Frau hatte in Deutschland empörte Reaktionen hervorgerufen. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) warnte hingegen, die Seenotretter müssten vermeiden, dass sie durch ihr Handeln falsche Signale aussendeten und so das Geschäft der Schlepper beförderten.

Der Bürgermeister von Lampedusa kritisierte indes Salvinis Verbissenheit in dem Fall. "Mehr als 600" Migranten seien innerhalb weniger als eines Monats auf die Insel gekommen. "Letzte Nacht waren es 25, darunter Frauen und Kinder, aber niemand hat vor den Kameras eine Show daraus gemacht", sagte Salvatore Martello.

Italien setzte seine harte Gangart gegen Flüchtlinge auch am Montag fort. Italienische und slowenische Polizisten patrouillieren seit Wochenbeginn an der gemeinsamen Grenze. Die Zahl der illegalen Grenzübertritte durch Migranten aus dem Balkan habe zugenommen, hieß es aus Polizeikreisen. Über die sogenannte Balkanroute waren 2015 zehntausende Flüchtlinge nach Europa gekommen. Trotz Schließung der Route wird sie weiterhin von einigen Flüchtlingen genutzt.


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