19.06.2019, 09:18 Uhr

Berlin (AFP) Zahl der Flüchtlinge weltweit stieg 2018 auf Höchststand


70 Millionen Menschen auf der Flucht - Arme Länder tragen die Hauptlast

Erstmals seit Erhebung der Statistik ist die Zahl der Flüchtlinge weltweit im vergangenen Jahr auf mehr als 70 Millionen gestiegen. Die Zahl sei "besorgniserregend", sagte UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi am Mittwoch bei der Vorstellung des jährlichen Weltflüchtlingsberichts in Berlin. Die Flüchtlingskrise sei "sehr häufig leider eine Krise der Armen". Etwa 85 Prozent der Vertriebenen befänden sich in armen Ländern. "Wir müssen diesen Ländern helfen", forderte der Flüchtlingskommissar.

Zum 31. Dezember 2018 gab es laut UN-Bericht 70,8 Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Asylbewerber auf der Welt. Das sind 2,3 Millionen mehr als ein Jahr zuvor und doppelt so viele wie vor 20 Jahren.

Zugleich handelt es sich um die höchste Zahl von Flüchtlingen, die das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) seit seiner Gründung im Jahr 1950 gezählt hat. Alle zwei Sekunden wurde demnach ein Mensch vertrieben.

Dabei sind die 70,8 Millionen Flüchtlinge laut UN-Bericht noch "konservativ" gezählt. So seien etwa von den geschätzten 3,3 Millionen Venezolanern auf der Flucht nur die knapp halbe Million erfasst worden, die offiziell Asyl beantragt haben, sagte der Flüchtlingskommissar.

Aus dem UN-Bericht geht hervor, dass vor allem arme Länder viele Flüchtlinge aufnehmen. In reichen Ländern sind es im Schnitt 2,7 Flüchtlinge pro 1000 Einwohner, in mittleren und armen Ländern 5,8.

Die ärmsten Länder der Welt beherbergen demnach ein Drittel der Flüchtlinge weltweit. Größtes Aufnahmeland ist die Türkei, gefolgt von Pakistan und Uganda. Deutschland folgt an fünfter Stelle.

Den größten Anteil der Flüchtlinge machen laut UNHCR 41,3 Millionen Binnenvertriebene aus. 25,9 Millionen Menschen sind demnach vor Krieg und Verfolgung aus ihrem Land geflohen, ein Plus von 500.000 im Vergleich zum Vorjahr. Die kleinste Gruppe bilden 3,5 Millionen Asylbewerber, die noch auf eine Entscheidung über ihr Asylgesuch warten. Jeder zweite Flüchtling ist jünger als 18 Jahre.

Rund 80 Prozent der Vertriebenen befänden sich seit mehr als fünf Jahren auf der Flucht, weil die Hindernisse für ihre Rückkehr immer noch da seien, sagte Grandi. Ein Hauptgrund für Flucht seien Konflikte. "Wir leben nach wie vor in einer Welt, in der es schwer ist, Frieden zu schaffen", sagte der Flüchtlingskommissar. Politische Lösungen seien schwierig zu erreichen.

Als weitere Gründe für Migration nannte Grandi die Suche nach wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten, den Klimawandel und Klimakatastrophen sowie Krankheiten.

In Deutschland ging die Zahl der neuen Asylanträge dem Bericht zufolge erneut deutlich zurück. Demnach sank die Zahl der Antragsteller 2018 auf 161.900, ein Jahr zuvor waren es noch 198.300 gewesen, 2016 sogar 722.400.

Die meisten Asylsuchenden kamen aus Syrien, dem Irak und dem Iran. Insgesamt gab es laut UNHCR zum Jahreswechsel 1,06 Millionen anerkannte Flüchtlinge in Deutschland, die Hälfte davon aus Syrien.

Erstmals wurde der jährliche Bericht in Deutschland vorgestellt. Flüchtlingskommissar Grandi begründete diese Entscheidung mit der wichtigen Rolle, die Deutschland beim Thema Flüchtlinge spiele. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) sprach von einer "großen Anerkennung für den wichtigen Beitrag, den Deutschland zum weltweiten Flüchtlingsschutz leistet".

Maas mahnte, auch an die Flüchtlinge zu denken, die in Entwicklungs- oder Schwellenländern leben. "Auch diese Menschen benötigen unsere Unterstützung. Und sie benötigen eine neue Lebensperspektive", erklärte er.


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