23.05.2019, 14:08 Uhr

London (AFP) Deutschstämmige Schriftstellerin und Zeichnerin Judith Kerr in London gestorben

Kerr 2018 in ihrem Arbeitszimmer in London. Quelle: AFP/Archiv/Tolga Akmen (Foto: AFP/Archiv/Tolga Akmen)Kerr 2018 in ihrem Arbeitszimmer in London. Quelle: AFP/Archiv/Tolga Akmen (Foto: AFP/Archiv/Tolga Akmen)

1933 aus Nazi-Deutschland geflohene Autorin wurde 95 Jahre alt

Als Kind floh sie aus Nazi-Deutschland, in ihrer Wahlheimat London wurde sie später zur preisgekrönten Schriftstellerin und Illustratorin: Jetzt ist Judith Kerr im Alter von 95 Jahren gestorben. Die in Berlin geborene Kinder- und Jugendbuch-Autorin sei bereits am Mittwoch in London nach kurzer Krankheit gestorben, teilte ihr Verlag HarperCollins am Donnerstag mit. In Deutschland ist Kerr vor allem durch ihr Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" bekannt.

Das Buch, in dem Kerr die Geschichte ihrer Flucht 1933 mit ihrer jüdischen Familie aus Nazi-Deutschland über die Schweiz und Frankreich nach England erzählt, wurde bis heute in Deutschland mehr als 1,3 Millionen Mal verkauft, seit Jahrzehnten steht es auf den Lektürelisten für deutsche Schüler. Im Jahr 1974 bekam die Britin Kerr dafür den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Kerr, die sich selbst eher als Zeichnerin denn als Schriftstellerin verstand, war die Tochter des berühmten Theaterkritikers und Nazi-Gegners Alfred Kerr. Das 1973 in Deutschland erschienene Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" habe sie "nur geschrieben, weil mir die Geschichte eben passiert ist", sagte die am 14. Juni 1923 in Berlin geborene Autorin einmal in einem Interview.

Daraus entwickelte sich eine Jugendbuch-Trilogie. 1975 erschien "Warten bis der Frieden kommt", in dem Kerr vom Aufwachsen im Exil bis zum Waffenstillstand 1945 erzählt. Den Abschluss der autobiografischen Trilogie bildet das 1979 in Deutschland erschienene "Eine Art Familientreffen", das von Besuchen in Berlin, der Suche nach den Stätten ihrer frühen Kindheit und einem schwierigen Mutter-Tochter-Verhältnis handelt.

Die drei Bände erreichten allein in Deutschland eine Millionenauflage. "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" wurde nach einem Drehbuch von Kerrs Ehemann Nigel Kneale verfilmt. Die beiden hatten sich bei der BBC kennengelernt, wo die seit 1936 in London lebende Kerr von 1953 bis 1958 als Redakteurin und Lektorin arbeitete. 2006 starb Kneale, die beiden hatten zwei Kinder, Tochter Tracy und Sohn Matthew.

Seit den späten sechziger Jahren schrieb und gestaltete Kerr mehr als 20 Kinderbücher. Im englischsprachigen Raum sind ihr Bilderbuch-Erfolg "Ein Tiger kommt zum Tee", das weltweit mehr als fünf Millionen Mal verkauft wurde, und ihre "Kater Mog"-Reihe am bekanntesten.

Für ihre Bücher erhielt Kerr zahlreiche Preise und Auszeichnungen. 2012 wurde sie mit dem Verdienstorden Order of the British Empire (OBE) für ihre Leistungen als Kinderbuchautorin und Zeitzeugin des Holocaust ausgezeichnet. Ihr zwei Jahre älterer Bruder Michael, der 2002 verstarb, brachte es als Richter an den Obersten Gerichtshof Großbritanniens.

Judith Kerr schrieb und zeichnete bis ins hohe Alter. Der Nachrichtenagentur AFP sagte sie erst im vergangenen Jahr in ihrem Arbeitszimmer, sie sei mit zunehmendem Alter sogar noch schneller geworden.

In Berlin ist eine Europa-Grundschule nach Judith Kerr benannt, auch im Süden Londons trägt eine Schule ihren Namen. Den Kontakt zu Berlin hielt sie bis ins hohe Alter aufrecht.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) erinnerte am Donnerstag ebenfalls an Kerrs enge Beziehungen zu Berlin und würdigte ihren Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Zeit. "Judith Kerrs Werke sind Teil unseres kollektiven Gedächtnisses und werden es auch nach ihrem Tod sein", erklärte Müller.

"Mit viel Empathie und schriftstellerischer Kunst ist es Kerr in ihren Werken gelungen, dass auch nachkommende Generationen von Kindern und Jugendlichen mitfühlen können, was es bedeutet, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die ihrer Menschlichkeit beraubt wurde", lobte Berlins Bürgermeister. Ihre Bücher seien "eine zeitlose und dringend nötige Warnung, für die wir Kerr zu großem Dank verpflichtet sind".


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