16.05.2019, 10:24 Uhr

Berlin (AFP) Prüfer der gesetzlichen Kassen bestätigten 2018 knapp 3500 Behandlungsfehler

Dunkelziffer hoch - Medizinischer Dienst bemängelt Meldekultur

Die Prüfer der gesetzlichen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr knapp 3500 Behandlungsfehler bestätigt, in deren Folge Patienten ein Schaden entstand. Das waren etwas mehr als im Jahr davor, wie der Medizinische Dienst des Kassenspitzenverbands (MDS) am Donnerstag in Berlin berichtete. Die Fehlerstatistik zeige allerdings nur einen "kleinen Ausschnitt", weshalb sich daraus keine generellen Aussagen zum Gefährdungsrisiko ableiten ließen.

Insgesamt erhielten die Krankenkassen im vergangenen Jahr mehr Patientenbeschwerden über mögliche Behandlungsfehler. Die Gutachter des Medizinische Diensts der deutschen Krankenversicherer (MDK) prüften demnach 14.133 solcher Vorwürfe, das waren rund 600 mehr als 2017.

In knapp jedem vierten Fall (3497) bestätigten die MDK-Gutachter den Verdacht. In jedem fünften Fall - das waren 2799 - bestätigte sich, dass der Fehler den erlittenen Schaden verursachte. Das ist wichtig für die Betroffenen, denn nur dann bestehen Chancen auf Schadenersatz.

Der stellvertretende MDS-Geschäftsführer Stefan Gronemeyer sprach von einer hohen Dunkelziffer. Studien gehen demnach davon aus, dass auf jeden festgestellten Behandlungsfehler etwa 30 unentdeckte Fälle kommen.

In der aktuellen Statistik betraf knapp ein Drittel der Vorwürfe die Orthopädie und Unfallchirurgie (31 Prozent), 13 Prozent die innere Medizin und Allgemeinmedizin, jeweils neun Prozent die Chirurgie und die Frauenheilkunde sowie acht Prozent die Zahnmedizin und fünf Prozent die Pflege.

Die Häufung von Vorwürfen sage aber nichts über die tatsächliche Fehlerquote in dem Fachbereich aus, sondern eher drüber, wie Patienten Behandlungen erlebten, erklärte Astrid Zobel vom MDK Bayern. Die festgestellten Fehler beträfen die unterschiedlichsten Erkrankungen und Therapien von Hüftgelenksoperationen über Zahnentfernungen bis hin zu Blinddarmoperationen.

Der Medizinische Dienst bemängelte erneut die Meldekultur in der Medizin. Am wichtigsten sei es, über schwerwiegende und vermeidbare Schadensfälle wie Medikamentenverwechslungen, verwechselte Seiten bei Operationen oder im Körper vergessene Fremdkörper zu berichten. Nur dadurch seien diese "künftig systematisch zu vermeiden", erklärte Gronemeyer.

Solche Schadensereignisse werden international als "Never Events" bezeichnet. Diese weisen demnach nicht auf das Versagen Einzelner, sondern auf fehlerhafte Abläufe und Schwächen im System hin. Gronemeyer forderte die Schaffung einer nationalen "Never-Event-Liste". Es mangle "immer noch an der systematischen Umsetzung und Überprüfung von Maßnahmen zur Fehlervermeidung", kritisierte er.

Dem MDS zufolge werden freiwillige Fehlermeldesysteme in Deutschland bislang nur wenig genutzt. Im größten übergreifenden System, das der gesamten Ärzteschaft offenstehe, seien nach mehr als zehn Jahren gerade 6200 Meldungen eingegangen - aus bundesweit etwa 2000 Krankenhäusern und 100.000 Praxen.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Maria Klein-Schmeink, sieht in den MDK-Zahlen "nur die Spitze des Eisbergs". Nötig sei ein bundesweites Monitoring durch eine unabhängige Stelle. Die Bundesregierung müsse Strukturen der Fehlervermeidung einführen, damit Behandlungsfehler erkannt würden und aus diesen Fehlern gelernt werde, forderte sie.

Die Bundesärztekammer hatte im April eine eigene Statistik vorgelegt, wonach ihre Gutachter im vergangenen Jahr 1858 Behandlungsfehler zählten. 1499 dieser Behandlungsfehler führten demnach zu Gesundheitsschäden. Die Statistik des MDK erfasst Behandlungen in Kliniken und Arztpraxen.


0 Kommentare