06.05.2019, 11:05 Uhr

Paris (AFP) UN-Bericht: Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht

Auch Bienen zählen zu den bedrohten Arten. Quelle: AFP/Archiv/SYLVAIN THOMAS (Foto: AFP/Archiv/SYLVAIN THOMAS)Auch Bienen zählen zu den bedrohten Arten. Quelle: AFP/Archiv/SYLVAIN THOMAS (Foto: AFP/Archiv/SYLVAIN THOMAS)

Experten fordern "tiefgreifende Änderungen" von Landwirtschaft bis Konsum

Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind nach einem UN-Bericht vom Aussterben bedroht. Viele könnten bereits "in den kommenden Jahrzehnten" verschwinden, heißt in der Studie zur weltweiten Artenvielfalt, die der Weltrat für Biodiversität (IPBES) am Montag in Paris veröffentlichte. Die Wissenschaftler fordern darin "tiefgreifende Änderungen" vor allem in der Landwirtschaft. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) sprach von einem "Weckruf".

Ob Insekten, Korallen oder Regenwälder: Der Mensch zerstöre seine eigenen Lebensgrundlagen, heißt es in dem rund 1800 Seiten starken Bericht, in dem Wissenschaftler den bisher umfassendsten Überblick über den Zustand der geschätzt acht Millionen Arten geben. Dringend nötig sind laut den UN-Experten Änderungen bei der Landwirtschaft, beim Konsum und beim Naturschutz.

Der Präsident des Biodiversitätsrats der UNO, Robert Watson, hält das Artensterben für "mindestens genauso" bedrohlich wie den Klimawandel. "Wir höhlen die Fundamente unserer Wirtschaft und unseres Lebensunterhalts aus", warnt Watson in dem Abschlussbericht. Auch "die Sicherheit von Lebensmitteln, die Gesundheit und die Lebensqualität in der ganzen Welt" seien durch das Artensterben bedroht.

Besonders bedroht sind den UN-Experten zufolge Insekten - ihre Zahl hat sich in Europa in den vergangenen drei Jahrzehnten bereits um rund 80 Prozent verringert. Auch Korallen stehen angesichts des Klimawandels vor dem Aus. "Es kann keiner mehr sagen: wir haben es nicht gewusst", betonte der deutsche Biologe Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, der als einer der Ko-Vorsitzenden die Erstellung der Studie geleitet hat.

Hauptverantwortlich für die Zerstörung ist dem UN-Bericht zufolge der Mensch: Die Wissenschaftler listen Landwirtschaft, Abholzung, Bergbau, Fischerei und Jagd als wichtigste Gründe für das Artensterben auf.

"Wir müssen die Lebensqualität in den Mittelpunkt stellen und nicht das Wirtschaftswachstum", sagte einer der Autoren, Eduardo Brundizio, der Nachrichtenagentur AFP. Konkret fordern die Experten des Biodiversitätsrats IPBES, der oft mit dem Weltklimarat verglichen wird, eine "nachhaltigere" Landwirtschaft und "effiziente" Fischereiquoten sowie eine Reform öffentlicher Hilfen für den Naturschutz.

Bundesumweltministerin Schulze sprach von einem "Weckruf" und sprach sich für ein weltweites Artenschutz-Abkommen ähnlich wie beim Klimaschutz aus. Die Agrarförderung sei der "wichtigste Hebel", um Änderungen zu bewirken, sagte die SPD-Politikerin am Rande des G7-Umweltministertreffens im französischen Metz weiter. "Im Moment tragen wir mit Steuermitteln dazu bei, dass die Natur zerstört wird."

Die Grünen-Sprecherin für Naturschutz, Steffi Lemke, rief die Bundesregierung zu einer Kehrtwende auf: "Statt hunderte Pestizide ohne Prüfung zuzulassen, erfordert der Erhalt unserer Artenvielfalt eine Agrarwende und einen Ausstieg aus Ackergiften wie Glyphosat und Neonikotinoiden", betonte sie in Berlin.

Auch die Umweltschutzorganisation BUND forderte von der Politik ein Umdenken, "weg von dem Wirtschafts-Mantra des ständigen Wachstums, hin zu echter Nachhaltigkeit". Greenpeace-Sprecher Eric Darier rief zu einem weitgehenden Verzicht auf Fleisch auf.

Diese Forderung wurde während der einwöchigen Beratungen der gut 130 Mitgliedstaaten des Biodiversitätsrates allerdings abgeschwächt: So findet sich in dem Abschlussbericht kein direkter Aufruf mehr zu einem geringeren Fleischkonsum, offenbar wegen des Drucks Fleisch produzierender Staaten.

An dem Bericht hatten rund 150 Fachleute aus 50 Ländern drei Jahre lang gearbeitet. Sie werteten zahlreiche wissenschaftliche Studien zur Biodiversität aus, um den Zustandsbericht zu den Ökosystemen in aller Welt vorzulegen.


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