01.05.2019, 19:44 Uhr

Paris (AFP) Forscher: Denisova-Mensch lebte vor 160.000 Jahren im Hochland von Tibet

Foto einer Rekonstruktion des Unterkiefers. Quelle: the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology/AFP/Jean-Jacques HUBLIN (Foto: the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology/AFP/Jean-Jacques HUBLIN)Foto einer Rekonstruktion des Unterkiefers. Quelle: the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology/AFP/Jean-Jacques HUBLIN (Foto: the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology/AFP/Jean-Jacques HUBLIN)

Zeitgenosse des Neandertalers war schon früh an Leben in großen Höhen gewöhnt

Der sogenannte Denisova-Mensch hat schon vor 160.000 Jahren im Hochland von Tibet gelebt. Wissenschaftler konnten einen Unterkiefer, der auf 3300 Metern Höhe entdeckt worden war, dem Zeitgenossen des Neandertalers zuordnen, wie es in einem am Mittwoch erschienen Artikel in der Fachzeitschrift "Nature" heißt. Dies beweise, dass der Denisovaner lange vor dem modernen Menschen an das Leben in sauerstoffarmen Höhen gewöhnt war.

Die Entdeckung sei eine "Überraschung", schreibt das Forscher-Team um Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Sie liefere den Beweis, dass der Denisova-Mensch nicht nur in Sibirien verbreitet war, sondern auch in China.

Es ist der erste Fund von Überresten eines Denisova-Menschen außerhalb der gleichnamigen Höhle in Sibirien, wo er 2010 erstmals entdeckt wurde. Zusammen mit den Neandertalern sind die Denisova-Menschen die nächsten ausgestorbenen Verwandten heute lebender Menschen.

Ursprünglich war der Unterkiefer 1980 von einem Mönch in der Baishiya-Höhle in Xiahe in der südöstlichen chinesischen Provinz Gansu entdeckt worden. Die Höhle ist ein buddhistisches Heiligtum. Der Mönch schenkte seinen Fund einem hohen buddhistischen Würdenträger, der ihn wiederum an die Lanzhou Universität weitergab. Dort blieb er zunächst unbeachtet.

Nun analysierten Forscher Proteine eines Backenzahns, der sich noch am Kiefer befand - eine neue Methode, die das Team von Hublin entwickelt hat. Dabei fanden sie heraus, dass der Besitzer des Unterkiefers eng mit den Denisovanern in Sibirien verwandt war. Eine DNA-Analyse hatte zunächst keine Ergebnisse erbracht.

Es handele sich um einen "extrem robusten" Kiefer mit "sehr großen Zähnen", sagte Hublin. Der Besitzer habe ein "fliehendes Kinn" gehabt und sei wahrscheinlich ein Jugendlicher gewesen. Er habe anatomische Merkmale mit Neandertalern und dem Menschen aus der Denisova-Höhle gemein.

Dass bereits vor 160.000 Jahren Frühmenschen in dieser Höhe lebten, habe sich niemand vorstellen können, sagte Hublin. Eine Ende 2018 in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlichte Studie hatte gezeigt, dass vor 30.000 bis 40.000 Jahren Menschen im tibetischen Hochland lebten. "Jetzt haben wir einen Fund, der vier Mal so alt ist und bei dem es sich nicht um einen modernen Homo sapiens handelt", sagte Hublin.

Die Denisovaner haben sich demnach lange vor dem Homo sapiens an die sauerstoffarme Umgebung gewöhnt. Ein spezielles Gen ermöglichte es ihnen, mit der geringen Sauerstoffkonzentration umzugehen - ein Gen, das auch die heutigen Bewohner Tibets besitzen. Spuren von Denisova-DNA sind im Erbgut heute lebender Menschen insbesondere in Tibet, aber auch in Australien und Melanesien zu finden.

Die Forscher wollen den Kieferknochen nun mit weiteren bislang nicht identifizierten Funden aus China vergleichen. "Meine Hypothese ist, dass es sich bei einem Großteil der Fossilien aus China oder Ostasien, die älter als 50.000 Jahre und jünger als 350.000 Jahre sind, wahrscheinlich um Denisova-Menschen handelt", sagte Hublin.


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