28.03.2019, 16:21 Uhr

Kiew (AFP) Komiker Selenski geht als Favorit in ukrainische Präsidentschaftswahl

Die drei populärsten Kandidaten bei der Ukraine-Wahl. Quelle: AFP/Archiv/Petras Malukas, Sergei SUPINSKY (Foto: AFP/Archiv/Petras Malukas, Sergei SUPINSKY)Die drei populärsten Kandidaten bei der Ukraine-Wahl. Quelle: AFP/Archiv/Petras Malukas, Sergei SUPINSKY (Foto: AFP/Archiv/Petras Malukas, Sergei SUPINSKY)

41-Jähriger liegt in letzten Umfragen vor Poroschenko und Timoschenko

Wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl in der Ukraine stehen die Zeichen auf Machtwechsel. In den letzten Umfragen vor der Wahl vom Donnerstag liegt der Komiker Wolodimir Selenski klar auf dem ersten Platz. Amtsinhaber Petro Poroschenko und Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko machen demnach untereinander aus, wer es neben Selenski in die Stichwahl im April schafft. Die Organisation Reporter ohne Grenzen rief die Ukraine auf, eine freie Berichterstattung über die Wahl zu gewährleisten.

Selenski, der in einer populären Fernsehserie bereits den ukrainischen Präsidenten spielt, kann sich gute Chancen ausrechnen, das Amt bald tatsächlich inne zu haben. Vor der Wahl am Sonntag sehen ihn mehrere Umfragen übereinstimmend bei mehr als 25 Prozent. Bei Amtsinhaber Poroschenko und seiner früheren Verbündeten Timoschenko ist die Lage weniger eindeutig: Eine Umfrage sieht beide bei etwa 17 Prozent, in einer anderen liegt Poroschenko deutlich vor der Ex-Regierungschefin.

Der 53-jährige Poroschenko regiert die Ukraine seit der Maidan-Revolution im Jahr 2014. Nach dem Sturz seines kremltreuen Vorgängers Viktor Janukowitsch hatte Poroschenko versprochen, die Ukraine stärker am Westen auszurichten, gegen die weit verbreitete Korruption vorzugehen und den bewaffneten Konflikt mit den prorussischen Rebellen im Osten des Landes zu beenden. Dort sind in den vergangenen Jahren rund 13.000 Menschen getötet worden, auch heute noch sterben regelmäßig Menschen bei den Kämpfen.

Im Kampf um seine Wiederwahl versucht Poroschenko, sich als der einzige Kandidat zu präsentieren, der dem mächtigen Nachbarn Russland die Stirn bieten kann: "Mein Verbündeter ist das ukrainische Volk, mein Gegner ist Putin", sagte der Präsident bei einem Fernsehauftritt.

Selenski spielt in der beliebten Fernsehserie "Diener des Volkes" einen Lehrer, der unverhofft zum Präsidenten wird. Kritiker werfen dem 41-Jährigen vor, auch im echten Leben fehle ihm die politische Erfahrung. Der Komiker und Schauspieler, der vor allem bei jungen Wählern beliebt ist, räumt Defizite durchaus ein.

Er habe "keine Erfahrung", sagte Selenski in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP. Er lerne aber bereits für seine mögliche neue Aufgabe: "Schließlich will ich nicht wie ein Idiot aussehen." Während seine Unterstützer auf frischen Wind an der Staatsspitze hoffen, halten seine Gegner Selenskis politische Ideen für wenig konkret.

Timoschenko konzentrierte sich in ihrem Wahlkampf auf das Thema Lebensqualität. Sie wirbt mit einer Senkung der Gaspreise und hofft, mit Plänen für eine Rentenerhöhung vor allem ältere Wähler zu überzeugen.

Trotz Selenskis Spitzenposition in den Umfragen halten Experten die Wahl noch nicht für entschieden. "Wenn man sich seine Zahlen ansieht, hat man das Gefühl, dass Selenski seinen Spitzenwert bereits erreicht hat", sagt der Politikexperte Mikola Dawidjuk. Außerdem gingen junge Menschen seltener zur Wahl als ältere.

Ein Sieg eines der 39 Kandidaten bereits im ersten Wahlgang gilt als äußerst unwahrscheinlich. Voraussichtlich werden die beiden Bewerber, die am Sonntag die meisten Stimmen erhalten, am 21. April in einer Stichwahl gegeneinander antreten.

Reporter ohne Grenzen rief unterdessen die ukrainischen Behörden auf, die freie Berichterstattung über die Präsidentschaftswahl sicherzustellen. Einem Journalisten des italienischen Senders RAI war zuvor die Einreise verwehrt worden - nach Angaben der Organisation mit Verweis auf seine "anti-ukrainische Rhetorik".

Der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr, sagte, die ukrainischen Behörden sollten zur Wahlberichterstattung auch Reporter einreisen lassen, "die in ihren Berichten nicht der Regierungslinie folgen".


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