20.03.2019, 13:04 Uhr

Christchurch (AFP) Vater und Sohn aus Syrien als erste Anschlagsopfer in Christchurch beigesetzt


Neuseelands Premierministerin will gegen Gewaltinhalte in Onlinediensten vorgehen

Fünf Tage nach dem Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch sind am Mittwoch die ersten Opfer beigesetzt worden. Hunderte Trauernde versammelten sich auf einem Friedhof unweit der Linwood-Moschee, um einen syrischen Flüchtling und seinen Sohn zu beerdigen. Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern will sich nun international dafür einsetzen, die Verbreitung von Anschlagsvideos im Internet zu verhindern.

Als erste wurden Khalid Mustafa und sein 15-jähriger Sohn Hamza bestattet. Die fünfköpfige Familie war erst im vergangenen Jahr aus Syrien nach Neuseeland gekommen. Der 44-jährige Familienvater hinterlässt eine Frau, eine Tochter und einen weiteren Sohn. Der 13-jährige Zaid war in der Al-Noor-Moschee am Freitag ebenfalls angeschossen worden, hatte den Anschlag aber überlebt.

Zaid nahm in einem Rollstuhl an der Beisetzung seines Vaters und seines Bruders teil und betete mit erhobenen Händen. Am Grab sagte er nach Angaben eines Trauergastes: "Ich sollte nicht vor euch stehen. Ich sollte neben euch liegen."

Auch Premierministerin Ardern äußerte sich bestürzt. Die Familie Mustafa sei vor dem Syrien-Krieg geflogen und habe in Neuseeland auf "Sicherheit und eine Zuflucht" gehofft. "Sie hätte hier in Sicherheit sein sollen", sagte Ardern nach der Beisetzung vor Journalisten in Christchurch.

An der Beisetzung nahm auch der afghanische Flüchtling Abdul Aziz teil. Aziz hatte sich dem Attentäter, einem 28-jährigen Rechtsextremisten aus Australien, in der Linwood-Moschee entgegengestellt und wird für seinen mutigen Einsatz als Held gefeiert. Auf dem Friedhof wurde er von vielen Trauergästen umarmt.

Insgesamt wurden am Mittwoch sechs der 50 Anschlagsopfer beigesetzt. Die Polizei hatte erst am Dienstag damit begonnen, die sterblichen Überreste der Toten an die Familien zu übergeben. Die langwierigen gerichtsmedizinischen Untersuchungen hatten bei den Angehörigen für großen Unmut gesorgt. Viele Hinterbliebene hätten die Toten gerne binnen 24 Stunden beigesetzt, wie es islamischer Brauch ist.

Für Verärgerung sorgten auch Äußerungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Dieser hatte bei Wahlkampfauftritten das Live-Video des Attentäters gezeigt und die Anschläge als Angriffe auf den Islam und die Türkei verurteilt. Zugleich drohte er Australiern mit antimuslimischer Gesinnung, sie würden "in Särgen zurückgeschickt" wie ihre Großväter aus Australien und Neuseeland, die im Ersten Weltkrieg bei der Schlacht von Gallipoli gegen osmanische Truppen gekämpft hatten.

Australiens Regierungschef Scott Morrison bestellte daraufhin den türkischen Botschafter in Canberra ein. Die Äußerungen Erdogans bezeichnete er als "sehr beleidigend für Australier" und "rücksichtslos in dieser sehr sensiblen Situation". Die angebotene Entschuldigung lehnte Morrison ab und forderte eine Klarstellung und Rücknahme der Äußerungen.

Wegen der Verbreitung des Videos, das der Attentäter während der Bluttat live im Online-Netzwerk Facebook übertragen hatte, wurde in Neuseeland ein zweiter Mann angeklagt. Der 44-jährige Geschäftsmann wurde am Mittwoch in Untersuchungshaft genommen. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 14 Jahre Haft.

Seit Montag sitzt bereits ein Jugendlicher in Untersuchungshaft, der das Anschlagsvideo ebenfalls verbreitet hatte. Die Ermittler gehen nicht davon aus, dass der 18-Jährige direkt in die Anschläge verwickelt war.

Nach Angaben von Facebook hatten sich knapp 200 Nutzer die Live-Übertragung des Videos angesehen. In den ersten 24 Stunden nach dem Anschlag musste das Netzwerk 1,5 Millionen Kopien des Videos löschen.

Ardern forderte nun ein "gemeinschaftliches" internationales Vorgehen, um die Verbreitung von Anschlagsvideos in Online-Netzwerken verhindern. Inhalte, die Gewalt zeigten und zu Gewalt anstachelten, seien "nicht nur ein Thema für Neuseeland", sagte die Regierungschefin. Solche Probleme könnten nicht "von Fall zu Fall" gelöst werden, mahnte die Regierungschefin. Nötig sei eine "vereinte Front gegen ein globales Problem".


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