22.02.2019, 19:04 Uhr

Vatikanstadt (AFP) Katholische Kirche gesteht Scheitern bei Schutz vor sexuellem Missbrauch ein


Krisengipfel im Vatikan debattiert über über neue Richtlinien

Führende Vertreter der katholischen Kirche haben ihr Scheitern beim Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch durch Kleriker eingestanden. "Eine Grundaufgabe, die jeder einzelne von uns und wir alle zusammen haben ist, Gerechtigkeit für diejenigen wiederherzustellen, die vergewaltigt worden sind", sagte der einflussreiche indische Kardinal Oswald Gracias am Freitag vor den 190 Teilnehmern des Krisentreffens im Vatikan.

"Die Kirche lebt nicht in einer isolierten Welt", betonte der Kardinal, der Papst Franziskus bei seinen Reformen berät. Er forderte die Bischöfe auf, bei Missbrauchsfällen "mit den Zivilbehörden zu kooperieren". Die Weigerung einiger Bischöfe vor allem aus Asien und Afrika, zuzugeben, dass Kindesmissbrauch durch Kleriker in ihrem Land ein Problem sei, könne nicht akzeptiert werden, sagte Gracias.

"Die Sache ist klar. Kein Bischof kann für sich behaupten 'Dieses Missbrauchsproblem in der Kirche geht mich nichts an, weil die Dinge in meinem Teil der Welt anders sind'", sagte Gracias. Auch wenn die Erfahrungen des Missbrauchs "in einigen Teilen der Welt dramatisch präsent" seien, sei es kein begrenztes Phänomen, betonte er. "Die ganze Kirche muss ehrlich hinschauen, rigoros urteilen und dann entschlossen handeln." Es sei wichtig, dass die Kirche mit einer Stimme spreche.

In einer äußerst kritischen Rede forderte Kardinal José Horacio Gómez die Konferenzteilnehmer auf, anzuerkennen, "dass der Feind im Inneren" sei. "Der verursachte Schaden ist so groß, der beigefügte Schmerz so tief, die Konsequenzen des Missbrauchs, der in der Kirche stattgefunden hat, sind so weitreichend, dass wir nie werden behaupten können, dass wir alles, was getan werden konnte, unternommen haben", mahnte er.

Papst Franziskus hatte die Konferenz am Donnerstag mit einem Ruf nach "konkreten und wirksamen Maßnahmen" gegen sexuellen Kindesmissbrauch eröffnet. Auf seine Einladung waren die 114 Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenzen weltweit nach Rom gereist. Sie sollen über Konsequenzen aus den Missbrauchsskandalen in vielen Ländern beraten, welche die Kirche in den vergangenen Jahren zutiefst erschüttert haben.

"Wir müssen konkret werden", sagte Franziskus, als er am Donnerstag zum Auftakt eine Liste mit 21 Punkten als Richtlinien austeilte, die diskutiert werden sollten. Am Sonntag will der Papst seine Schlussfolgerungen ziehen. Der US-Kardinal Blase Cupich, ein Vertrauter des Papstes, präsentierte am Freitag einen bereits sehr detaillierten "Rahmen" für die "Schaffung neuer rechtlicher Strukturen, um das Verantwortungsbewusstsein in der Kirche zu wecken".

Einige Vorschläge orientieren sich an Regelungen in den USA wie etwa eine "Telefon-Hotline" oder ein Online-Portal, wo Missbrauchsfälle einer vertrauenswürdigen Person außerhalb der eigenen Gemeinde gemeldet werden können.

Franziskus kann sich in seinem Vorgehen gegen den Missbrauch jedoch nicht auf die ungeteilte Unterstützung der Kirchenführung verlassen. Konservative Bischöfe insbesondere in Afrika und Asien sehen wenig Anlass, Missbrauch in öffentlichen Foren zu thematisieren.

An einer Mahnwache in Rom nahm am Donnerstagabend auch der in den USA lebende Kongolese Benjamin Kitobo teil. "Meine Anwesenheit hier, das ist ein Hilferuf für die Opfer in Afrika", sagte er vor Zuschauern und zahlreichen Fotografen.

Er präsentierte sein Grundschulzeugnis aus dem Jahr 1981 mit den Worten: "Das ist meine letzte 'Unschuldsbescheinigung'". Nach der Grundschule sei er in ein kleines Priesterseminar gebracht worden, wo er jahrelang von einem Priester sexuell misshandelt worden sei. "Die Kirche muss damit aufhören", verlangte er.


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