19.02.2019, 18:33 Uhr

Quatzenheim (AFP) Netanjahu verurteilt "schockierenden" Antisemitismus im Elsass


Macron besucht geschändeten jüdischen Friedhof - Großkundgebung am Abend

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat die "schockierenden" antisemitischen Grabschändungen auf einem jüdischen Friedhof im Elsass verurteilt. In einer Videobotschaft rief er am Dienstag die Führungspersönlichkeiten in Frankreich und Europa dazu auf, "klar Stellung gegen Antisemitismus zu beziehen". Frankreichs Präsident Emmanuel Macron suchte den Friedhof in der Gemeinde Quatzenheim auf und versprach, die Täter zu bestrafen. Für den Abend waren Großkundgebungen in Frankreich gegen Antisemitismus geplant.

Ministerpräsident Netanjahu bezeichnete Antisemitismus als "Plage, die alle bedroht, nicht nur uns". "Wilde Antisemiten" hätten die Gräber entweiht.

In der elsässischen Gemeinde Quatzenheim hatten Unbekannte rund hundert Gräber auf dem dortigen jüdischen Friedhof geschändet, Grabsteine wurden mit blauen oder gelben Hakenkreuzen beschmiert. Ein Grab trug die Worte "Elsassisches Schwarzen Wolfe", ein Verweis auf eine separatistische Gruppe mit Verbindungen zu Neonazis aus den 70er Jahren.

"Wir werden handeln, wir werden Gesetze erlassen, wir werden strafen", sagte Macron am Nachmittag beim Besuch des Friedhofs. "Die das hier getan haben, verdienen die Republik nicht." Begleitet wurde er vom französischen Großrabbiner Haim Korsia.

Die Staatsanwaltschaft in Straßburg leitete Ermittlungen ein. Quatzenheim liegt nordwestlich von Straßburg. Erst im Dezember waren im elsässischen Herrlisheim fast 40 Gräber sowie ein Holocaustmahnmal beschmiert worden.

Israels Regierung äußerte Sorge über die wachsende Zahl antisemitischer Vorfälle in Frankreich. Die jüdische Gemeinde sei in Frankreich "antisemitischen Attacken" ausgesetzt, kritisierte der israelische Einwanderungsminister Joav Gallant. "Ich rufe die Juden auf: Kommt heim, emigriert nach Israel!"

Die französische Regierung wollte am Dienstagabend ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen: Präsident Macron kündigte an, er werde gemeinsam mit den Spitzen des Parlaments an der Pariser Holocaust-Gedenkstätte zusammentreffen.

Im Anschluss an das Zusammentreffen waren in Paris und anderen Städten Kundgebungen gegen Antisemitismus geplant. Daran beteiligen sich bis auf die Rechtspopulisten alle größeren Parteien. Die am Abend gestartete Großkundgebung in Paris stand unter dem Motto "Es reicht" ("Ça suffit!").

Zu dem Marsch war als ranghöchster Regierungsvertreter Premierminister Edouard Philippe als Teilnehmer angekündigt, Macron wollte sich nicht beteiligen. Ihre Teilnahme zugesagt hatten dagegen die Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy und François Hollande sowie Ex-Premierminister Bernard Cazeneuve.

Die rechtspopulistische Nationale Sammlungsbewegung (Rassemblement National) von Marine Le Pen kündigte eine eigene Veranstaltung an. Sie wirft den anderen Parteien vor, die Demonstrationen politisch zu instrumentalisieren.

Der Kampf gegen den Antisemitismus müsse "total entschlossen" geführt werden, sagte Philippe der Zeitschrift "L'Express" mit Blick auf den Anstieg der Übergriffe um 74 Prozent im vergangenen Jahr. Insgesamt wurden 541 Fälle registriert; 2017 waren es 311 Fälle gewesen. Einen Höhepunkt hatten die antisemitischen Übergriffe im Jahr 2015 mit 808 Fällen erreicht. Schätzungen zufolge kehrten in den vergangenen zehn Jahren rund 45.000 französische Juden Frankreich den Rücken und wanderten nach Israel ein.

Vertreter verschiedener Religionen und Laienorganisationen riefen angesichts des wachsenden Antisemitismus in Frankreich zu einem "Aufstand des Gewissens" auf. Die Taten würden "ganz Frankreich schaden", hieß es in einer anlässlich eines Treffens mit Innenminister Christophe Castaner verlesenen gemeinsamen Erklärung.


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