27.01.2019, 15:57 Uhr

St. Petersburg (AFP) Russen erinnern mit Militärparade an Ende der Wehrmachtsbelagerung Leningrads


Außenamt in Moskau erklärt Entschädigungsansprüche an Berlin für nicht erledigt

Mit einer großen Militärparade in St. Petersburg hat Russland an das Ende der Belagerung des damaligen Leningrad durch die deutsche Wehrmacht erinnert. Zum 75. Jahrestag der Befreiung marschierten am Sonntag mehr als 2500 Soldaten in modernen und historischen Uniformen auf, begleitet von Panzern und Raketenabwehrsystemen. Deutschland kündigte Millionenzahlungen für die Opfer an; damit sei die Frage der Entschädigung aber noch nicht abgeschlossen, betonte Moskau.

Die Wehrmacht hatte Leningrad zwischen 1941 und 1944 insgesamt 872 Tage lang belagert. Mehr als 800.000 Bewohner starben durch Hunger, Krankheit oder Beschuss. Viele Historiker gehen von höheren Opferzahlen in der Stadt mit damals drei Millionen Einwohnern aus. Am 27. Januar 1944 befreite die Sowjetarmee die heute zweitgrößte Stadt Russlands schließlich.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) erklärte anlässlich des Jahrestags am Sonntag, Deutschland stehe zu seiner "historischen Verantwortung". Die Bundesregierung stelle daher zwölf Millionen Euro für zwei Projekte in St. Petersburg bereit. Mit dem Geld soll ein Krankenhaus für Kriegsveteranen in der Stadt modernisiert und ein deutsch-russisches Begegnungszentrum aufgebaut werden. Berlin und Moskau hatten die Vorhaben bereits im vergangenen Mai verabredet. Russland nannte diesen Schritt am Sonntag noch einmal "wichtig".

Zugleich betonte die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa aber, damit sei die Frage der Entschädigung noch nicht abgeschlossen. Berlin müsse alle Überlebenden der Belagerung persönlich entschädigen, sagte sie und erinnerte daran, dass Deutschland im Rahmen seiner Verantwortung für den Holocaust jüdischen Opfern der Blockade bereits jeweils 2500 Euro gezahlt habe. In St. Petersburg leben insgesamt noch rund 86.000 Überlebende der Belagerung. Hinzu kommen 22.000 Veteranen.

Hunderte Zuschauer verfolgten am Sonntag die Militärparade im Schneetreiben und bei Temperaturen von minus elf Grad. Es sei wichtig, "die Erinnerung wach zu halten", sagte Iwan Kolokolzew. Natalja Geraschtschenko schaute sich den Aufmarsch zusammen mit ihrem zwölfjährigen Sohn an. Das Ende der Leningrad-Blockade sei ein wichtiges historisches Ereignis, sagte die 35-Jährige.

Russlands Präsident Wladimir Putin blieb der Parade fern, nahm aber unter anderem an einem Gedenken auf dem Friedhof Piskarjowskoe in seiner Heimatstadt teil. Putins älterer Bruder war während der Blockade Leningrads gestorben. Putin legte rote Rosen auf dem Friedhof nieder, auf dem sein Bruder in einem Massengrab beerdigt worden war.

Auch Putins Mutter verhungerte damals fast, sein Vater wurde als Soldat im Kampf gegen die Nazis in der Nähe von Leningrad verwundet. Der 66-jährige Putin wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte, der Gedenktag sei wichtig "für alle Russen und für Präsident Putin persönlich". In einer Rede vor einem Gedenkkonzert sprach Putin von einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Die Nazis hätten die Stadt auslöschen wollen.

Die militärische Machtdemonstration in St. Petersburg war im Vorfeld auch auf Kritik gestoßen. Manche Überlebende sprachen angesichts der riesigen Parade mit historischen und modernen Waffensystemen von "Militarismus". Fast 5000 Menschen forderten in einer Petition eine Absage des "empörenden Karnevals".


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