27.01.2019, 19:46 Uhr

Rio de Janeiro (AFP) Gefahr eines weiteren Dammbruchs in Brasilien gebannt


Helfer bergen 37 Todesopfer - Kaum noch Hoffnung für hunderte Vermisste

Nach dem Dammbruch in Brasilien haben Rettungshelfer am Sonntag nach mehrstündiger Unterbrechung die Suche nach den mehr als 280 Vermissten fortgesetzt. Die Gefahr eines zweiten Dammbruchs sei gebannt, sagte Flavio Godinho vom Zivilschutz. Der Minenbetreiber Vale teilte mit, nach der Evakuierung könnten die Menschen nun wieder in ihre Häuser zurückkehren. Bislang wurden 37 Leichen geborgen, für 287 Vermisste bestand kaum noch Hoffnung.

Die Experten hatten am frühen Sonntagmorgen eine weitere Katastrophe an dem Bergwerk befürchtet: Vale löste wegen steigender Pegelstände an einem weiteren Damm Alarm aus. Die Feuerwehr rief die Bevölkerung der Stadt Brumadinho auf, sich in hochgelegene Gebiete in Sicherheit zu bringen. Die Suche nach den Vermissten wurde vorübergehend eingestellt.

Nach Angaben des Zivilschutzes wurde in den darauffolgenden Stunden aus dem zweiten Staudamm Wasser abgepumpt. Der Wasserpegel war nach starken Regenfällen am Samstagnachmittag angestiegen. Es gebe keine Gefahr eines Dammbruchs mehr. "Die Suche ist schon wieder angelaufen, mit Hubschraubern, am Boden und mit Hunden", sagte Godinho.

Nach einem Dammbruch an einem Rückhaltebecken für Bergbauabfälle hatten sich am Freitag Millionen Tonnen Schlamm über die Umgebung des Bergwerks ergossen und Häuser, Autos und Straßen unter sich begraben. Bis Sonntagmorgen bargen Helfer 37 Leichen, 192 Menschen konnten lebend gerettet werden und 23 Verletzte waren im Krankenhaus.

Der Gouverneur des Bundesstaates Minas Gerais, Romeu Zema, erklärte, Polizei, Feuerwehr und Soldaten hätten alles getan, um Überlebende zu retten. "Doch wir wissen, dass von jetzt an die Chancen winzig sind und wir wahrscheinlich nur noch Leichen finden werden."

Bei den meisten Opfern handele es sich um Minenarbeiter, sagte der Chef des Bergbauunternehmens Vale, Fábio Schvartsman. Er sprach von einer "menschlichen Tragödie". Die Schlammlawine habe unter anderem die Kantine des Bergwerks unter sich begraben, als die Arbeiter gerade beim Mittagessen saßen.

In Brumadinho warteten am Samstag zahlreiche Angehörige von Minenarbeitern mit Fotos in den Händen auf Nachrichten von ihren Lieben. "Sie wollen uns nichts sagen", klagte Olivia Rios. "Das sind unsere Söhne, unsere Ehemänner, und niemand sagt uns etwas."

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro erklärte, der Staat werde alles tun, um den Opfern zu helfen, die Hintergründe des Unglücks aufzuklären und ähnliche Katastrophen in der Zukunft zu verhindern.

Die brasilianische Justiz fror elf Milliarden Reals (2,6 Milliarden Euro) auf den Konten von Vale für mögliche Entschädigungszahlungen ein. Außerdem wurde Vale bereits vom Staat und vom Bundesstaat mit Strafen in Höhe von 81 Millionen Euro belegt.

Der Damm war erst kürzlich von Experten des TÜV Süd untersucht worden. Bei der Inspektion im September seien "nach unserem momentanen Kenntnisstand keine Mängel festgestellt" worden, sagte ein Unternehmenssprecher in Deutschland auf AFP-Anfrage. "Wir werden die Ermittlungen vollumfänglich unterstützen."

Nach Angaben von Vale-Chef Schvartsman wurden auch bei einer weiteren Inspektion am 10. Januar keine Mängel entdeckt. Der 1976 gebaute und 86 Meter hohe Damm war zum Abriss vorgesehen.

Vor rund drei Jahren hatte sich bereits an einer anderen von Vale betriebenen Mine im selben Bundesstaat eine Katastrophe ereignet. Damals kamen 19 Menschen ums Leben, eine Schlammlawine erstreckte sich auf mehr als 650 Kilometer und löste die größte Umweltkatastrophe in der brasilianischen Geschichte aus.

Das neuerliche Unglück zeige, dass die brasilianische Regierung und die Bergbauunternehmen keine Lehren aus der Vergangenheit gezogen hätten, erklärte die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Es handele sich "nicht um Unfälle, sondern um Umweltkriminalität, die untersucht, bestraft und wiedergutgemacht werden muss".


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