28.12.2018, 12:57 Uhr

Berlin (AFP) Studie: Private Kassen gegenüber gesetzlichen mit deutlichen Defiziten bei Leistungen

Chipkarten verschiedener Krankenkassen. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Jens Kalaene (Foto: dpa/AFP/Archiv/Jens Kalaene)Chipkarten verschiedener Krankenkassen. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Jens Kalaene (Foto: dpa/AFP/Archiv/Jens Kalaene)

Grüne fordern Wahlfreiheit und Wechselmöglichkeiten auch für privat Versicherte

Private Kassen haben einer Studie zufolge im Vergleich zur gesetzlichen Krankenversicherung deutliche Defizite bei den Leistungen. Etliche private Krankenversicherungen (PKV) erfüllen selbst in ihren leistungsstärksten Tarifen nicht die Mindestkriterien, wie aus einer Untersuchung im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion hervorgeht, die AFP am Freitag vorlag. Deutliche Schwächen bescheinigte die Studie vielen Tarifen im Bereich Rehabilitation und bei der häuslichen Krankenpflege. Die Privatversicherer kritisierten die Studie als realitätsfern.

Das Beratungsunternehmen PremiumCircle Deutschland untersuchte im Auftrag der Grünen 100 Mindestkriterien unter anderem im Bereich der ärztlichen Leistungen, der Heilmittel wie Physiotherapie sowie bei Anschlussbehandlungen wie Kuren, die zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gehören, sowie drei weitere Leistungen aus dem Bereich Zahnersatz und Sehhilfen.

Bei den Top-Tarifen der privaten Krankenversicherer (PKV) werden demnach im Schnitt mehr als ein Viertel (27 Prozent) der Mindestkriterien nicht oder nicht vollständig erfüllt. Bei den gesetzlichen Kassen betrifft dies nur drei Prozent. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland hatte darüber zuerst berichtet.

Deutliche Schwächen sieht die Studie bei vielen PKV-Tarifen in den Bereichen Rehabilitation und Kuren. So sei beispielsweise eine stationäre Rehabilitation nach einem Klinikaufenthalt in vielen Fällen nicht vertraglich garantiert. Lücken gebe es auch bei der häuslichen Krankenpflege und der Palliativversorgung.

Der Studie zufolge gibt es allerdings eine "sehr große Spannbreite" zwischen den PKV-Unternehmen. Der schlechteste verglichene Tarif erfüllt demnach nur knapp 30 Prozent der Mindestkriterien. Der beste erreicht hingegen 96 Prozent der Kriterien. Zugleich wird darauf verwiesen, dass die überwiegende Mehrheit der privat Versicherten gar nicht in den Premiumtarifen versichert ist, sondern in Tarifen mit einem geringeren Leistungsumfang.

Der Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) kritisierte, die Studie gehe "an der Realität vorbei". So stünden Leistungsvorteile der PKV wie volle ärztliche Therapiefreiheit ohne Budgets offensichtlich nicht auf der "Checkliste". Auch seien viele Leistungen, die die Gutachter in den Verträgen vermissten, sehr wohl Bestandteil der Versorgung von Privatversicherten wie beispielsweise die Palliativversorgung. Privat Versicherte würden "ganz sicher" nicht schlechter versorgt, erklärte der Verband.

Die Grünen forderten Wahlfreiheit und Wechselmöglichkeiten auch für privat Versicherte. Diese sollten jederzeit ihren privaten Versicherer wechseln können, ohne dabei ihre Altersrückstellung zu verlieren. Zugleich warben die Grünen erneut für eine langfristig einheitliche Bürgerversicherung.

"Etliche der angeblich leistungsstärksten Tarife in der privaten Krankenversicherung können im Vergleich zur gesetzlichen Krankenversicherung nicht einmal elementare Leistungen garantieren", kritisierte die Grünen-Gesundheitsexpertin Maria Klein-Schmeink. Dadurch würden vor allem ältere Versicherte, solche mit geringen Einkommen oder chronischen Erkrankungen benachteiligt.

Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums bekräftigte unterdessen, am bestehenden Nebeneinander zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung werde weiter festgehalten.

Die Vorsitzende des Spitzenverbandes der gesetzlichen Kassen(GKV), Doris Pfeiffer, wertete die Studienergebnisse als Beleg für die Stärke des gesetzlichen Krankenversicherungssystems, "in dem 90 Prozent der Bevölkerung ohne Ansehen des Einkommens oder den Ausschluss von Vorerkrankungen versorgt werden".

Allerdings weist die Studie auch auf Defizite in der GKV etwa in der Heil- und Hilfsmittelversorgung sowie beim Zahnersatz hin. So würden vor allem ältere chronisch Erkrankte und Menschen mit Behinderungen durch Zuzahlungen, Selbstzahlungen oder Mengenbegrenzungen bei Heil- und Hilfsmitteln belastet.


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