22.12.2018, 01:36 Uhr

Berlin (AFP) USA fordern "Spiegel" zur unabhängigen Aufarbeitung des Fälscherskandals auf

Richard Grenell in Berlin. Quelle: AFP/Archiv/Odd ANDERSEN (Foto: AFP/Archiv/Odd ANDERSEN)Richard Grenell in Berlin. Quelle: AFP/Archiv/Odd ANDERSEN (Foto: AFP/Archiv/Odd ANDERSEN)

Botschafter Grenell wirft Magazin "eklatanten Anti-Amerikanismus" vor

Die USA haben den "Spiegel" zu einer unabhängigen Aufarbeitung des Fälscherskandals aufgefordert. In einem Brief an die Chefredaktion warf der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, dem Nachrichtenmagazin am Freitag "eklatanten Anti-Amerikanismus" vor, der sich gerade in den unlängst als Fälschungen entlarvten Geschichten eines "Spiegel"-Reporters gezeigt habe. Grenell forderte das Magazin zu einer "gründlichen Untersuchung durch eine externe, unabhängige Organisation" auf.

Grenell richtete sein Schreiben an den designierten "Spiegel"-Chefredakteur Steffen Klusmann. Das Magazin veröffentlichte es am Freitagabend auf seiner Internetseite.

Der Botschafter warf dem Magazin darin unverhohlene Voreingenommenheit gegen die USA vor. "Die anti-amerikanische Berichterstattung des 'Spiegel' hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen", schrieb Grenell. "Seitdem Präsident Trump im Amt ist, stieg diese Tendenz ins Uferlose."

Mitarbeiter des "Spiegel" hätten "regelmäßig" Informationen veröffentlicht, "deren Unwahrheit sich herausgestellt hätte, wenn die Fakten zuerst mithilfe der US-Botschaft überprüft worden wären".

Der Diplomat beklagte, dass sich die "fehlerhafte Berichterstattung" zu einem großen Teil auf die Politik der USA und bestimmte Teile der dortigen Bevölkerung bezogen habe. "Es ist eindeutig, dass wir Opfer einer Kampagne institutioneller Voreingenommenheit wurden", schrieb Grenell. Die Enthüllungen über die fingierten Reportagen erfüllten die US-Botschaft "mit großer Sorge".

In seinem Antwortschreiben an Grenell entschuldigte sich der stellvertretende "Spiegel"-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit, den Vorwurf des Anti-Amerikanismus wies er aber zurück. "Wir entschuldigen uns bei allen amerikanischen Bürgern, die durch diese Reportagen beleidigt und verunglimpft wurden", schrieb Kurbjuweit. "Uns tut das sehr leid. Das hätte niemals passieren dürfen."

Der "Spiegel"-Vertreter fügte hinzu: "Wenn wir den amerikanischen Präsidenten kritisieren, ist das nicht Anti-Amerikanismus, sondern Kritik an der Politik des Mannes im Weißen Haus."

Der "Spiegel" hatte am Mittwoch bekanntgegeben, dass der 33-jährige preisgekrönte Redakteur Claas Relotius Reportagen ganz oder teilweise systematisch gefälscht hatte. Er habe dabei Charaktere, Zitate und Begebenheiten erfunden oder die Biografien von realen Protagonisten verfälscht. Relotius schrieb für den Verlag seit 2011 knapp 60 Texte, seinen Angaben zufolge sind 14 betroffen. Der "Spiegel" kündigte umfassende Aufarbeitung an.


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