28.11.2018, 13:20 Uhr

Hongkong (AFP) Chinesischer Wissenschaftler setzt Experimente mit Designerbabys aus

Der chinesische Wissenschaftler He Jiankui in Hongkong. Quelle: AFP/Anthony WALLACE (Foto: AFP/Anthony WALLACE)Der chinesische Wissenschaftler He Jiankui in Hongkong. Quelle: AFP/Anthony WALLACE (Foto: AFP/Anthony WALLACE)

Angebliche Genmanipulation an Zwillingsmädchen sorgt weltweit für Empörung

Nach der Geburt der angeblich ersten genetisch veränderten Babys hat der chinesische Wissenschaftler He Jiankui sein umstrittenes Menschen-Experiment verteidigt. Bei einem Medizinkongress in Hongkong kündigte der Universitätsprofessor am Mittwoch zwar an, die Experimente in Anbetracht der weltweiten Empörung vorerst auszusetzen. Er hob aber hervor, "stolz" auf seine Arbeit zu sein.

Die klinischen Versuche seien "aufgrund der aktuellen Situation" gestoppt worden, sagte He vor den Kongressteilnehmern. Er fügte hinzu: "In diesem spezifischen Fall bin ich stolz."

Der Wissenschaftler aus Shenzhen in der Provinz Guangdong hatte am Montag in einem Youtube-Video erklärt, dass er bei einem vor einigen Wochen geborenen Zwillingspaar die DNA so verändert habe, dass die beiden Mädchen vor einer HIV-Infektion geschützt seien. Zuerst hatte am Sonntag das Fachblatt "MIT Technology Review" über den Fall berichtet. Daraufhin stellte He sein Video ins Netz.

Für seine Versuche hätten sich acht Paare freiwillig gemeldet, erläuterte He am Mittwoch. Alle Väter waren demnach HIV-positiv, die Mütter gesund. Ein Paar sei aber vor dem Ende des Experiments ausgestiegen. Daher sei das Ergebnis "unerwartet" bekannt geworden, sagte He. Dafür müsse er sich "entschuldigen".

He zufolge gab es bei einem weiteren Paar eine "potenzielle Schwangerschaft". Diese sei jedoch durch eine frühe Fehlgeburt beendet worden. Der an der Universität Stanford in den USA ausgebildete Wissenschaftler betonte, dass die an dem Versuch beteiligten Paare über die Risiken und möglichen Nebenwirkungen genetischer Veränderungen informiert worden seien und der Implantation zugestimmt hätten.

Die Babys mit den Pseudonymen "Lulu" und "Nana" waren laut He durch künstliche Befruchtung gezeugt worden, wobei das sogenannte Crispr/Cas9-Gentechnikverfahren zur Erbgutveränderung, auch "Genschere" genannt, zum Einsatz kam. International stieß die Ankündigung auf Zweifel und scharfe Kritik. Eine unabhängige Bestätigung der Studie gibt es bislang nicht.

He betonte, dass die Universität in Shenzen, an der er angestellt ist, "nichts von der Studie gewusst" habe. Auch die Organisatoren des Zweiten Internationalen Gipfels zur Humangenom-Editierung, an dem He in Hongkong teilnahm, hatten offenbar nichts von Hes Arbeit gewusst. Der Kongress-Vorsitzende, Nobelpreisträger David Baltimore, sagte, die Selbstregulierung in der wissenschaftlichen Gemeinde habe versagt.

Der Moderator des Kongresses, Robin Lovell-Bagde, bewertete die Studie als "Schritt zurück" für die Forschung, weil Hes Ansatz "nicht ausreichend vorsichtig und verhältnismäßig" sei. Zugleich sprach er von einem "historischen Moment".

Der Miterfinder des Crispr-Verfahrens, Feng Zhang, nannte Hes Vorgehen gefährlich und unnötig. "Das Experiment hätte nicht geschehen dürfen", sagte er auf dem Kongress. "Was er getan hat, war nicht transparent. Es repräsentiert nicht die Wissenschaft."

Genetische Veränderungen können potenziell die Vererbung von Krankheiten stoppen, jedoch sind derartige Verfahren ethisch höchst umstritten. Die Veränderungen können auch Mutationen "gesunder" Gene verursachen - mit Auswirkungen auf nachfolgende Generationen.

Die Ankündigung der genetisch veränderten Babys hatte auch die chinesischen Behörden auf den Plan gerufen. Die Nationale Gesundheitskommission kündigte eine "minutiöse Untersuchung" an. Der Vize-Minister für Wissenschaft und Technologie, Xu Nanping, bezeichnete das Experiment als illegal. Die angeblich beteiligte Klinik in Shenzhen schaltete die Polizei ein.

Auch in Deutschland sorgte die Ankündigung für scharfe Kritik. Der bildungs- und forschungspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Albert Rupprecht, erklärte am Mittwoch, sollte der Versuch in China tatsächlich stattgefunden haben, "wäre das ein Skandal besonderer Dimension".

Die Deutsche Bischofskonferenz forderte globale Verpflichtungen, um vergleichbare Fälle zu verhindern. Gentechnik dürfe nicht zu "Perfektionierung und Selektion" führen, sagte der Ethikexperte der Bischofskonferenz, Weihbischof Anton Losinger, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, sagte, in dem mutmaßlichen Fall in China sei "eine Grenze überschritten worden, die ethisch hochproblematisch ist".


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