27.11.2018, 16:10 Uhr

Peking (AFP) Genmanipulierte Designerbabys in China rufen die Behörden auf den Plan

Labor. Quelle: AFP/Archiv/DANIEL LEAL-OLIVAS (Foto: AFP/Archiv/DANIEL LEAL-OLIVAS)Labor. Quelle: AFP/Archiv/DANIEL LEAL-OLIVAS (Foto: AFP/Archiv/DANIEL LEAL-OLIVAS)

Vize-Minister für Wissenschaft spricht von illegalem Experiment

Die mutmaßliche Schaffung von genveränderten Designerbabys durch einen Wissenschaftler in China hat die chinesischen Behörden auf den Plan gerufen. Die Nationale Gesundheitskommission kündigte eine "minutiöse Untersuchung" an, der chinesische Vize-Minister für Wissenschaft bezeichnete des mutmaßliche Experiment als illegal. In Deutschland wurde harsche Kritik von Experten und Politikern an dem Experiment laut, bei dem das Erbgut der Babys mit der so genannten Genschere manipuliert worden sein soll.

Der chinesische Wissenschaftler He Jiankui aus Shenzhen in der Provinz Guangdong hatte am Montag in einem Youtube-Video erklärt, dass er bei einem vor einigen Wochen geborenen Zwillingspaar die DNA so verändert habe, dass die beiden Mädchen und nachfolgende Generationen vor einer HIV-Infektion geschützt seien.

Die Babys mit den Pseudonymen "Lulu" und "Nana" wurden demnach durch künstliche Befruchtung gezeugt, wobei das sogenannte Crispr/Cas9-Gentechnikverfahren zur Erbgutveränderung zum Einsatz kam. Eine unabhängige Bestätigung des angeblichen medizinischen Durchbruchs gibt es bislang nicht.

Die nationale Gesundheitskommission versicherte am Montagabend in einer Erklärung, sie messe der Angelegenheit "große Bedeutung" zu. Daher habe sie die Gesundheitsbehörden der Provinz Guangdong aufgefordert, "sofort eine minutiöse Untersuchung einzuleiten, um die Fakten zusammenzutragen".

Das Experiment - sollte es wirklich stattgefunden haben - ist nach chinesischem Recht verboten, wie der staatliche Sender CCTV am Dienstag den Vize-Minister für Wissenschaft und Technologie, Xu Nanping, zitierte. Zwar ist die Stammzellenforschung in China erlaubt, jedoch nur für 14 Tage nach Befruchtung oder Transplantation.

Ein angeblich an dem Experiment beteiligtes Krankenhaus schaltete am Dienstag die Polizei ein. Die Harmonicare-Frauen- und Kinderklinik in Shenzhen wies jegliche Beteiligung an dem Experiment zurück. Eine Unterschrift auf einem Dokument, das He in dem Fall die Einhaltung ethischer Standards bescheinige, sei offenbar gefälscht worden, teilte das Krankenhaus auf seiner Website mit.

Auch Hes eigene Universität in Shenzhen lehnte dessen Vorgehen als "ernsthafte Verletzung akademischer Ethik und Normen" ab. Daher sei er seit Februar im unbezahlten Urlaub, seine Arbeit habe er außerhalb der Hochschule vorangetrieben, hieß es. Mehr als hundert chinesische Wissenschaftler verurteilten Hes Arbeit als "Wahnsinn", der Chinas Ruf in der Welt sehr schade.

Die Volksrepublik strebt im Wettstreit mit den USA die weltweite Führungsrolle in der Genforschung an. Nach Angaben der Schweizer Großbank UBS ist China bereits der zweitgrößte Markt für Genom-Verfahren. Sein Umfang von 7,2 Milliarden Yuan (914 Millionen Euro) 2017 dürfte sich der Analyse zufolge bis 2022 nahezu verdreifachen auf 18,3 Milliarden Yuan.

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, sagte am Dienstag im Bayerischen Rundfunk zu der Kritik an He in aller Welt: "Die Rede vom Super-Gau ist in verschiedener Hinsicht berechtigt." Schließlich seien die Risiken des angewendeten Verfahrens "noch unkalkulierbar, Neben- und Spätfolgen für Kinder, Kindeskinder und die Betroffenen sind unabsehbar".

Der Ethikrat-Vorsitzende forderte "eine globale Initiative" unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft, um ethische Leitlinien für Genmanipulationen am Menschen festzulegen. Der Ethikrat erarbeite derzeit eine Stellungnahme, "wo wir Pro und Kontras des möglichen Einsatzes der Genschere beim Menschen diskutieren".

Der zuständige Berichterstatter der SPD-Bundestagsfraktion, René Röspel, erklärte in Berlin, "Lulu" und "Nana" seien "als Versuchskaninchen benutzt" worden. Zugleich warnte er vor einem FDP-Antrag im Bundestag. der die Nutzung neuer Verfahren in der Gentherapie fordere.


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