20.11.2018, 19:11 Uhr

Kabul (AFP) Mindestens 50 Tote bei Anschlag auf Treffen religiöser Führer in Kabul


Attentäter zielte auf höchstes Gremium der afghanischen Geistlichkeit

Bei einem Selbstmordanschlag in Kabul sind am Dienstag mindestens 50 Menschen getötet worden. Weitere 72 Menschen wurden verletzt, wie das Gesundheitsministerium am Abend mitteilte. Das Attentat richtete sich gegen eine Versammlung von religiösen Führern und Zivilisten, die den Geburtstag des Propheten Mohammed feierten. Es war einer der schwersten Anschläge des Jahres in Kabul.

Die Explosion habe sich während einer Zeremonie im Uranus-Hochzeitspalast ereignet, sagte Polizeisprecher Basir Mudschahid. Unter den Teilnehmern waren auch Mitglieder des Ulema-Rates, des höchsten Gremiums der afghanischen Geistlichkeit. Die Ulemas seien aus dem ganzen Land nach Kabul gekommen, um den Geburtstag des Propheten zu feiern, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Der Geburtstag des Propheten ist einer der wichtigsten Feiertage des Jahres.

Afghanistans Präsident Aschraf Ghani machte "Feinde des Islam" für den Anschlag verantwortlich. Die "terroristische Attacke" am Geburtstag des Propheten Mohammed sei ein "unverzeihliches Verbrechen", sagte er und ordnete für Mittwoch Staatstrauer an.

Ein Manager des Hochzeitssaals, in dem auch politische und religiöse Treffen abgehalten werden, sagte AFP, der Attentäter habe sich inmitten der Versammlung in die Luft gesprengt. Zum Zeitpunkt der Explosion hätten sich rund tausend Menschen in dem Saal aufgehalten.

Der Religionsschüler Mohammed Hanif sagte AFP, es seien gerade Koranverse rezitiert worden, als eine ohrenbetäubende Explosion den voll besetzten Saal erschüttert habe. "Es herrschte Chaos, viele haben geschrien", berichtete er in blutverschmierter Kleidung. "Wir haben die Verletzten zu den Rettungswagen gebracht, unter den Toten sind viele junge Menschen." Er selber blieb unverletzt.

In Online-Netzwerken veröffentlichte Fotos zeigten auf dem Boden liegende Leichen, einigen von ihnen wurden durch die Wucht der Explosion die Kleider teilweise vom Leib gerissen. Auch Blut und umgestoßene Stühle sind zu sehen.

Die italienische Nichtregierungsorganisation Emergency teilte im Kurzbotschaftendienst Twitter mit, 33 Verletzte und sieben Tote seien in ihre Einrichtung für Traumapatienten gebracht worden.

Zu der Tat bekannte sich zunächst niemand. Die meisten Anschläge in Afghanistan nahm zuletzt die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) für sich in Anspruch.

Ein Sprecher der radikalislamischen Taliban verurteilte den "Anschlag auf eine Versammlung von Religionsgelehrten und Zivilisten" in einer Mitteilung über den Messenger-Dienst WhatsApp.

Kabul ist für afghanische Zivilisten der gefährlichste Ort im ganzen Land geworden. Im September waren bei einem Doppelanschlag auf einen Sportclub mindestens 26 Menschen getötet worden.

Eine Welle der Gewalt hatte das Land anlässlich der Parlamentswahlen erlebt, die im Oktober abgehalten wurden. Hunderte Menschen wurden im Zusammenhang mit den Wahlen getötet oder verletzt. In der östlichen Provinz Nangarhar wurden im September mindestens 68 Menschen getötet und weitere 165 verletzt, als sich ein Selbstmordattentäter inmitten von Demonstranten in die Luft sprengte.

Der blutigste Anschlag des Jahres mit mehr als hundert Toten hatte Kabul Ende Januar erschüttert. Damals explodierte ein mit Sprengstoff beladener Rettungswagen im Stadtzentrum. Mehr als 230 Menschen wurden verletzt. Den Anschlag reklamierten die Taliban für sich.

Die Gewalt richtet sich auch immer wieder gegen religiöse Führer. Anfang Juni sprengte sich in Kabul ein Selbstmordattentäter in der Nähe eines Treffens von Religionsführern in die Luft, die kurz zuvor Anschläge als unislamisch verurteilt hatten.


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