20.11.2018, 23:20 Uhr

Paris (AFP) Renault hält vorerst an Ghosn fest und ernennt zugleich Interimschef

Renault hält vorerst an Ghosn fest . Quelle: AFP/Toshifumi KITAMURA (Foto: AFP/Toshifumi KITAMURA)Renault hält vorerst an Ghosn fest . Quelle: AFP/Toshifumi KITAMURA (Foto: AFP/Toshifumi KITAMURA)

Bisherige Nummer zwei übernimmt kommissarisch Aufgaben des Vorstandsvorsitzenden

Trotz seiner Festnahme in Japan behält Renault-Chef Carlos Ghosn seinen Posten als Vorstandsvorsitzender des französischen Autobauers. Das beschloss der Verwaltungsrat des Konzerns am Dienstagabend. Zugleich wurde die bisherige Nummer zwei bei Renault, Thierry Bolloré, zum Übergangsvorsitzenden ernannt. Da Ghosn derzeit "verhindert" sei, leite Bolloré vorläufig das Tagesgeschäft, teilte der Verwaltungsrat mit. Er erhalte die "gleichen Befugnisse" wie Ghosn.

Ghosn war am Montag in Tokio festgenommen worden. Der mit Renault verbündete Autohersteller Nissan legt dem 64-Jährigen die Verschleierung seiner Einkünfte in Japan sowie die Veruntreuung von Firmengeldern zur Last. Der Manager ist seit 2005 Vorstandschef von Renault, zugleich ist er Chef der Allianz zwischen Renault und den beiden japanischen Autobauern Nissan und Mitsubishi.

Der Renault-Verwaltungsrat erklärte, er könne sich nicht zu den Vorwürfe gegen Ghosn äußern, da ihm die mutmaßlich belastenden Dokumente nicht vorlägen. Das Gremium rief den japanischen Autobauer Nissan auf, Renault die Ergebnisse seiner internen Ermittlungen zur Verfügung zu stellen.

Die französische Regierung hatte als 15-prozentiger Renault-Eigner auf eine rasche Ablösung von Ghosn gedrängt. Wirtschaftsminister Bruno Le Maire sagte vor der Sitzung des Verwaltungsrats, der 64-Jährige sei vorerst "nicht mehr in der Lage, die Gruppe zu führen". Er betonte zugleich, die französische Regierung habe "keinen Beweis" für ein Fehlverhalten des Automanagers.

Sollten sich die Vorwürfe gegen Ghosn aber bestätigen, sei das "von erheblicher Tragweite", sagte Le Maire: "Verschleiern, den Fiskus betrügen - das ist umso schlimmer in einer gehobenen Position und mit einem sehr hohen Gehalt."

Die Regierungen von Frankreich und Japan bekräftigten zugleich ihren Willen, an der Allianz zwischen Renault und Nissan festzuhalten. Le Maire habe sich darauf mit dem japanischen Wirtschaftsminister Hiroshige Seko verständigt, erklärte das Ministerium in Paris.

Die Staatsanwaltschaft in Tokio erklärte am Dienstag, Ghosn habe bei den Steuerbehörden zwischen Juni 2011 und Juni 2015 Bezüge in Höhe von 4,9 Milliarden Yen (derzeit rund 37 Millionen Euro) angegeben - tatsächlich habe er fast zehn Milliarden Yen an Einkünften gehabt. Japanische Medien berichteten, eine Nissan-Tochter habe für Ghosn luxuriöse Wohnungen in vier Ländern gekauft, über die der Manager verfügen konnte. Laut dem Sender NHK strich Ghosn Geld ein, das auf den Namen anderer Manager ausgezahlt wurde.

Bei Nissan galt Ghosn lange als Retter. Nach dem Einstieg von Renault bei dem Autobauer 1999 machte er den vor der Pleite stehenden Konzern wieder profitabel. Erst im April 2017 gab er die Konzernführung von Nissan ab, blieb aber Vorsitzender des Verwaltungsrats. Bei Mitsubishi ist er ebenfalls Präsident des Verwaltungsrats. Beide Unternehmen wollen am Donnerstag über die Abberufung von Ghosn entscheiden.

Nissan-Chef Hiroto Saikawa kritisierte seinen ehemaligen Förderer hart. Es sei ein Problem, wenn zu viel Macht einem einzelnen Menschen übertragen werde, sagte er am Montagabend. Das sei die "dunkle Seite der Ghosn-Ära". Ein Nissan-Mitarbeiter sagte der Zeitung "Yomiuri", Ghosn habe von Untergebenen stets verlangt, schwierige Ziele zu erfüllen. "Aber er selbst bekam auch ein hohes Gehalt, als die Geschäfte von Nissan nicht so gut gingen."

Im März hatte es Berichte gegeben, Ghosn wolle Renault und Nissan komplett fusionieren und das neue Unternehmen auch anführen. Analysten mutmaßten, dies könne der Grund für den "Putsch" gegen Ghosn bei Nissan gewesen sein. Nissan wolle unabhängig bleiben, sagte der Autoanalyst Christophe Richter von CLSA in Tokio, auch wenn das Unternehmen die Allianz mit Renault und Mitsubishi nicht in Frage stelle.

Die Unzufriedenheit habe "schon mehrere Jahre unter der Oberfläche gegärt", schrieb David Fickling von Bloomberg. Nun sei sie "auf brutale Weise" zu Tage getreten.

Die japanischen Mitarbeiter ärgern sich japanischen Presseberichten zufolge darüber, dass von ihnen entwickelte Technologien auch von Renault genutzt oder der Bau von Modellen wie des Micra nach Frankreich verlagert wurden. "Nikkei" berichtete, seit Jahren schon sei bei Nissan der Ärger über die hohe Bezahlung Ghosns gewachsen.


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