15.11.2018, 19:01 Uhr

London (AFP) May kämpft um Brexit-Abkommen und um ihr Amt


Rücktritte stürzen Regierung in die Krise - Erbitterter Widerstand im Parlament

Die britische Premierministerin Theresa May hält trotz des massiven Widerstands im Parlament und Rücktrittsforderungen aus den eigenen Reihen an dem geplanten Brexit-Abkommen fest. "Ich glaube mit jeder Faser meines Körpers daran, dass der von mir verfolgte Kurs der richtige für mein Land ist", sagte May am Donnerstag. Zwei Minister und zwei Staatssekretäre hatten zuvor aus Protest gegen den Vertragsentwurf ihren Rücktritt eingereicht. May droht außerdem ein Misstrauensvotum im Parlament.

Der geplante Brexit-Deal sei das bestmögliche Abkommen und "im nationalen Interesse", sagte May nach einer hitzigen Debatte im Unterhaus bei einer Pressekonferenz am Abend. Sollte das Abkommen scheitern, seien die Folgen nicht abzusehen. Ein von EU-Befürwortern gefordertes zweites Brexit-Referendum schloss May aus. Ans Aufgeben denke sie trotz der Rücktrittsforderungen nicht, betonte die Regierungschefin.

Mays Kabinett hatte den mit Brüssel ausgehandelten Vertragsentwurf zum britischen EU-Ausstieg am Mittwochabend gebilligt. Am Donnerstag folgten jedoch mehrere ranghohe Rücktritte: Brexit-Minister Dominic Raab erklärte seinen Rückzug, auch Arbeitsministerin Esther McVey, Nordirland-Staatssekretär Shailesh Vara und Brexit-Staatssekretärin Suella Braverman traten zurück.

Die Vorschläge zum Status Nordirlands seien eine "echte Bedrohung für die Integrität des Vereinigten Königreichs", begründete Raab seinen Rücktritt im Kurzbotschaftendienst Twitter.

Die Übereinkunft, die May dem Kabinett vorgelegt habe, entspreche nicht dem Brexit-Votum der Bürger, erklärte Arbeitsministerin McVey. Der Vertragsentwurf enthalte zu viele Zugeständnisse an die EU und bedrohe die Integrität des Vereinigten Königreichs. Ähnlich äußerten sich die zurückgetretenen Staatssekretäre Vara und Braverman. Die innenpolitischen Turbulenzen wirkten sich auch auf das britische Pfund aus. Die Landeswährung gab um rund zwei Prozent gegenüber dem Dollar und dem Euro nach.

Unterdessen mehrten sich Rücktrittsforderungen an die Adresse der Premierministerin - gerade auch aus den eigenen Reihen. Der einflussreiche Brexit-Befürworter Jacob Rees-Mogg beantragte ein Misstrauensvotum gegen May. "Es wäre im Interesse der Partei und des Landes, wenn sie abtreten würde", erklärte der Vorsitzende der konservativen Parlamentariervereinigung European Research Group (ERG). Ein solches Votum wird angesetzt, wenn 48 konservative Abgeordnete den Antrag unterstützen.

Am Vormittag hatte May versucht, den angestrebten Austrittsvertrag mit der EU im Parlament zu verteidigen. "Wir können uns dafür entscheiden, ohne Abkommen auszutreten, wir können riskieren, dass es zu gar keinem Brexit kommt, oder wir können uns dafür entscheiden, uns zu einigen und den besten Deal unterstützen, der verhandelt werden kann", sagt May. Das britische Volk erwarte, dass die Regierung "das hinkriegt".

May schlug im Unterhaus aber parteiübergreifend heftige Kritik entgegen. Der konservative Brexit-Befürworter Mark Francois sagte, es sei "rechnerisch unmöglich", den Deal durch das Parlament zu bringen. Oppositionsführer Jeremy Corbyn forderte May auf, das "halbgare Abkommen" zu verwerfen. In der Regierung herrsche Chaos, sagte der Labour-Chef.

EU-Ratspräsident Donald Tusk kündigte derweil einen raschen Sondergipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs für Sonntag kommender Woche an. "Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, werden wir ein Treffen des Europäischen Rates abhalten, um das Brexit-Abkommen formell zu besiegeln." Anfang Dezember könnte dann das Parlament in London darüber abstimmen.

Der Brexit-Verhandlungsführer des Europaparlaments, Guy Verhofstadt, sprach von der "bestmöglichen Einigung". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich "sehr froh" über den Vertragsentwurf. Dieser müsse nun auf allen Seiten beraten und analysiert werden.

Die Brexit-Unterhändler von EU und Großbritannien hatten nach monatelangen Verhandlungen am Dienstag einen Durchbruch erzielt und sich auf einen Vertragsentwurf verständigt. Vor allem die Nordirland-Frage hatte die Verhandlungen monatelang blockiert. Auch der nun erzielte Vertragsentwurf enthält noch keine dauerhafte Lösung.


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