08.11.2018, 10:49 Uhr

Berlin (AFP) Barmer-Report: Pflegende Angehörige oft überfordert und selbst krank

Viele Menschen pflegen Angehörige zu Hause. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Christophe Gateau (Foto: dpa/AFP/Archiv/Christophe Gateau)Viele Menschen pflegen Angehörige zu Hause. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Christophe Gateau (Foto: dpa/AFP/Archiv/Christophe Gateau)

Schlafmangel und Existenzängste belasten "größten Pflegedienst der Nation"

Viele der rund zweieinhalb Millionen Menschen, die Angehörige zu Hause pflegen, haben die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Sie leiden unter Schlafmangel, sind körperlich und psychisch überfordert oder werden selbst krank, wie der am Donnerstag veröffentlichte Barmer-Pflegereport zeigt. Nur ein Drittel aller Betroffenen geht arbeiten, jeder Vierte reduzierte seine Arbeit wegen der Pflege oder musste sie ganz aufgeben.

Für die vom Bremer Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang erstellte Studie wurden mehr als 1900 pflegende Angehörige befragt. Sieben von acht Hauptpflegepersonen (87,5 Prozent) kommen danach meistens oder immer gut mit der Pflege zurecht.

Mit der Versorgung der Angehörigen sind aber Belastungen verbunden, die auch krank machen können. Fast 40 Prozent der Befragten fehlt demnach Schlaf, 30 Prozent fühlen sich in ihrer Rolle als Pflegende gefangen, und jedem Fünften ist die Pflege zu anstrengend. Knapp jeder Fünfte hat zudem Zukunfts- und Existenzängste.

In der Konsequenz sinkt offenbar die Bereitschaft zur Pflege. 185.000 der rund zweieinhalb Millionen pflegenden Angehörigen stehen kurz davor, diese Pflege einzustellen, wie aus dem Report hervorgeht. Rund 164.000 wollen nur mit mehr Hilfe weiter pflegen, knapp ein Prozent will dies auf keinen Fall länger tun.

Aus Sicht der Krankenkasse droht sich der Pflegenotstand in Deutschland damit weiter zuzuspitzen. Denn mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen wird ausschließlich durch Angehörige ohne Beteiligung von Pflegeeinrichtungen versorgt. Die Angehörigen gelten deshalb auch als "größter Pflegedienst der Nation".

Bei 85 Prozent der Befragten dominiert die Pflege den Alltag, die Hälfte von ihnen kümmert sich sogar mehr als zwölf Stunden täglich um den Pflegebedürftigen. Dazu gehören unter anderem Medikamentenversorgung, Unterstützung beim Essen, bei der Mobilität oder beim Toilettengang.

60 Prozent der pflegenden Angehörigen wünschen sich mehr Hilfe. Allerdings findet mehr als die Hälfte der Hauptpflegepersonen niemanden, um sich für längere Zeit vertreten zu lassen.

Dabei gibt es zahlreiche Unterstützungsangebote wie Kurzzeit- und Verhinderungspflege oder Haushaltshilfen, die auch überwiegend positiv bewertet werden. Sie werden aber zu wenig genutzt, wie die Umfrage weiter zeigt. Als Begründung wird vielfach angegeben, es bestehe "kein Bedarf" oder "die Leistung ist unbekannt". Häufig werden aber auch andere Gründe genannt wie "geringe Qualität", "zu teuer", "zu viel Organisation" oder es "passt zeitlich nicht".

Barmer-Chef Christoph Straub nannte die Ergebnisse "besorgniserregend". Das System sei auf die aufopferungsvolle Arbeit pflegender Angehöriger "schlicht und ergreifend angewiesen". "Wir können es uns nicht leisten, auf deren Dienste zu verzichten, weil sie an ihre Grenze kommen, sich allein gelassen fühlen, weil sie körperlich und psychisch völlig erschöpft sind", warnte Straub.

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte eine "echte Entlastung" für pflegende Angehörige. "Der größte Pflegedienst Deutschlands geht am Stock", sagte Vorstand Eugen Brysch der Nachrichtenagentur AFP. Die bisherigen Angebote seien bei weitem nicht ausreichend und liefen oft ins Leere. Besonders treffe es die hunderttausenden pflegenden Angehörigen, die berufstätig sind. Brysch forderte eine staatlich finanzierte Lohnersatzleistung für Pflegende ähnlich dem Elterngeld.

Der Sozialverband VdK dringt ebenfalls auf mehr Entlastung für Angehörige. Allerdings gebe es in vielen Regionen bereits ein Versorgungsproblem etwa bei der Kurzzeitpflege oder selbst bei der ambulanten Pflege, warnte VdK-Präsidentin Verena Bentele.


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