31.10.2018, 16:57 Uhr

Islamabad (AFP) Pakistanische Justiz hebt Todesurteil gegen Christin wegen Gotteslästerung auf


Freispruch für Asia Bibi nach acht Jahren provoziert landesweite Proteste

Die pakistanische Justiz hat nach acht Jahren das Todesurteil gegen die Christin Asia Bibi wegen Gotteslästerung aufgehoben. Der Oberste Gerichtshof des Landes sprach die Frau, deren Fall international für Aufsehen gesorgt hatte, am Mittwoch von allen Vorwürfen frei. Nach Bekanntwerden des Urteils kam es in dem konservativ-muslimischen Land zu Protesten von Islamisten. Regierungschef Imran Khan rief dazu auf, das Urteil zu respektieren und auf Gewalt zu verzichten.

Bibi zeigte sich vom Richterspruch überwältigt: "Ich kann nicht glauben, was ich höre, komme ich jetzt raus?", sagte sie der AFP per Telefon aus dem Gefängnis. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich bin sehr glücklich."

Die Mutter von fünf Kindern war 2010 in der Provinz Punjab wegen Beleidigung des Propheten Mohammed zum Tode verurteilt worden. Muslimische Frauen aus ihrem Dorf hatten ihr vorgeworfen, sich beleidigend über den Religionsstifter geäußert zu haben. Das Todesurteil sorgte international für Empörung. Menschenrechtsgruppen und auch Papst Benedikt XVI. hatte sich für Bibis Freilassung eingesetzt.

"Ich kann keine herabwürdigenden Äußerungen bezüglich des heiligen Korans erkennen", sagte Richter Saqib Nisar am Mittwoch zu den Vorwürfen gegen Bibi. Nach Angaben des Gerichts sollte die Frau sofort freigelassen werden. Es gab jedoch keine Informationen über mögliche Sicherheitsmaßnahmen zu ihrem Schutz.

In ganz Pakistan kam es nach dem Urteil zu wütenden Demonstrationen. In der Hauptstadt Islamabad blockierten etwa tausend Knüppel schwenkende Demonstranten eine Hauptverkehrsstraße und errichteten mithilfe quergestellter Lastwagen Barrikaden. Auch in der Hafenstadt Karachi wurden Straßen blockiert. Für Freitag kündigten islamistische Gruppen weitere Proteste an.

Regierungschef Khan warnte die Pakistaner davor, sich von Extremisten "aufhetzen" zu lassen. Wer zu Protesten gegen das Urteil aufrufe, tue dies nicht zum Wohle des Landes oder des Islam, sondern aus "eigenem politischem Interesse", sagte Khan in einer Fernsehansprache. "Wir werden den Besitz und das Leben der Menschen schützen, wir werden Sabotage und Verkehrsblockaden nicht dulden."

Die Islamistenpartei Tehreek-e-Labaik forderte Soldaten zur "Rebellion" gegen die Armeeführung auf. Auch der islamistische Imam Maulana Abdul Aziz, der die Rote Moschee in Islamabad leitet, kritisierte das Urteil. Der Richterspruch sei "vollkommen abscheulich" und verstoße gegen die Scharia.

Die britische Premierministerin Theresa May reagierte erleichtert auf das Urteil und sprach von "guten Nachrichten" für Bibis Familie und ihre Unterstützer. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International nannte den Freispruch "einen wichtigen Sieg für die religiöse Toleranz in Pakistan".

Blasphemie ist im streng konservativen Pakistan ein schwerer Vorwurf. Rund 40 Menschen sitzen dort nach Schätzungen eines US-Ausschusses zur Religionsfreiheit wegen entsprechender Anschuldigungen derzeit lebenslängliche Gefängnisstrafen ab oder warten auf ihre Hinrichtung. Immer wieder kommt es zu Lynchmorden wegen Vorwürfen der Gotteslästerung.

Das Auswärtige Amt in Berlin rief Reisende in Pakistan angesichts der aufgeheizten Stimmung zu erhöhter Wachsamkeit auf. Die Proteste könnten nach dem Freitagsgebet weiter eskalieren, warnte das Amt. Bis sich die Lage beruhigt habe, sei daher besondere Vorsicht geboten. Reisende sollten Menschenansammlungen meiden und sich möglichst nicht auf der Straße aufhalten.


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