30.10.2018, 15:37 Uhr

Oldenburg (AFP) Mammutprozess um Mordserie von Krankenpfleger Niels Högel beginnt mit Geständnis

Högel im Gericht. Quelle: POOL/AFP/Julian Stratenschulte (Foto: POOL/AFP/Julian Stratenschulte)Högel im Gericht. Quelle: POOL/AFP/Julian Stratenschulte (Foto: POOL/AFP/Julian Stratenschulte)

41-Jähriger soll 100 Patienten getötet haben - Schweigeminute zum Prozessauftakt

Mit einem Geständnis hat der Prozess um die beispiellose Mordserie des früheren Krankenpflegers Niels Högel begonnen. Der 41-Jährige räumte am Dienstag vor dem Landgericht in niedersächsischen Oldenburg ein, die ihm vorgeworfenen 100 Taten begangen zu haben. "Ja", sagte Högel auf die Frage des Gerichts, ob die Vorwürfe zuträfen. Der Prozess selbst begann zuvor mit einer Schweigeminute für die Toten.

Högel soll zwischen 2000 und 2005 Intensivpatienten in Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst getötet haben. "Das, was zugegeben worden ist, so ist es auch", sagte er mit Blick auf seine früheren Aussagen gegenüber Ermittlern und Gutachtern. Er habe Menschen durch Medikamente in lebensbedrohliche Zustände versetzt und anschließend wiederbelebt, um dadurch den Respekt seiner Kollegen zu erringen. Er habe die Taten wegen der "positiven Rückmeldung" begangen, gab Högel an.

Der bereits wegen sechs Taten zu lebenslanger Haft verurteilte Angeklagte muss sich wegen 100 weiterer mutmaßlicher Morde verantworten, die bei späteren systematischen Ermittlungen aufgedeckt wurden. Für den Prozess sind Termine bis Mai 2019 angesetzt. Mehr als 120 Angehörige nehmen als Nebenkläger an dem Verfahren teil, das aus Platzgründen in einer Veranstaltungshalle stattfindet. Sie kritisieren die zögerlichen Ermittlungen der Justiz und das Wegschauen der Kliniken in dem Fall scharf.

Allein die Verlesung der umfangreichen Anklageschrift dauerte weit mehr als eine Stunde. Högel habe "aus niederen Beweggründen sowie heimtückisch" getötet, um seinen Fähigkeiten zur Wiederbelebung von Patienten gegenüber seinen Kollegen und Vorgesetzten "zu präsentieren" und "seine Langeweile zu bekämpfen", fasste Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann zusammen.

Högel soll Patienten während seiner Dienstzeiten auf Intensivstationen jahrelang ohne ärztliche Anordnung verschiedene Medikamenten verabreicht haben, um lebensbedrohliche Herz- oder Kreislaufkomplikationen auszulösen und sie anschließend wiederzubeleben. Viele der Opfer im Alter von 34 bis 96 starben.

2005 wurde er entlassen und kurz darauf festgenommen, weil ihn eine Kollegin bei einer Tat auf frischer Tat beobachtete. In einem ersten Prozess wurde er dafür 2008 verurteilt, ein zweites Verfahren wegen fünf weiterer Fälle folgte 2014 bis 2015. Dabei gestand er überraschend weitere Morde.

Erst danach kamen systematische Ermittlungen in Gang, drei Jahre lang nahm eine Sonderkommission alle Todesfälle während seiner Tätigkeit an den beiden Kliniken unter die Lupe. Zahlreiche Verstorbene wurde exhumiert und auf Medikamentenrückstände untersucht. Das Ergebnis der Ermittlungen ist der nun beginnende dritte Prozess.

Ob Högel eventuell noch weitere Morde beging, lässt sich nach Einschätzung der Ermittler nicht abschließend sagen. Viele verstorbene frühere Klinikpatienten wurden feuerbestattet. Wie glaubwürdig seine Geständnisse sind, ist unklar. Trotz interner Verdachtsmomente konnte Högel lange ungehindert weiter töten. Mehrere Verantwortliche der Krankenhäuser sind deshalb inzwischen separat angeklagt.

Vertreter der Angehörigen reagierten überrascht auf Högels erstes öffentliches Geständnis und dessen Aussagen zu seiner Gemütsverfassung während seiner beruflichen Anfangszeit, die seinen Angaben nach bereits schnell von hohem Stress auf den Intensivstationen gekennzeichnet war. "Heute sieht er wie ein kleiner verletzlicher Massenmörder aus", sagte deren Sprecher Christian Marbach.

Auch Högel stehe wegen des Prozesses "zu Recht unter hoher persönlicher Belastung". Ein Geständnis zum Auftakt habe er nicht erwartet, sagte Marbach. Es eröffne die Chance, bei der Aufarbeitung "einen großen Schritt zu machen".

Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann, der bereits in den ersten beiden Prozessen gegen Högel verhandelt hatte, versprach den Angehörigen Aufklärung. Das Gericht werde alles dazu tun, was es könne. Ob angesichts des komplexen, lange zurückliegenden Geschehens die vollständige Wahrheit gefunden werde könne, sei ungewiss. "Aber wir werden danach suchen, das verspreche ich." Es gehe um viele Schicksale, und für Angehörige sei es "ein furchtbares Gefühl", Jahre später von den wahren Todesumständen zu erfahren.


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