30.10.2018, 09:04 Uhr

Oldenburg (AFP) Prozess um beispiellose Mordserie von Krankenpfleger Niels Högel begonnen

Högel und seine Verteidigerin im Prozess 2015. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Carmen Jaspersen (Foto: dpa/AFP/Archiv/Carmen Jaspersen)Högel und seine Verteidigerin im Prozess 2015. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Carmen Jaspersen (Foto: dpa/AFP/Archiv/Carmen Jaspersen)

Weitere 100 mutmaßliche Taten vor Landgericht Oldenburg angeklagt

Vor dem Landgericht im niedersächsischen Oldenburg hat am Dienstag der Prozess um die beispiellose Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel an Intensivpatienten begonnen. Der bereits wegen mehrerer Taten zu lebenslanger Haft verurteilte 41-Jährige muss sich wegen 100 weiterer mutmaßlicher Morde in den Jahren 2000 bis 2005 verantworten. Der Prozess begann mit einer Schweigeminute im Gerichtssaal.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Pfleger vor, Patienten während seiner Dienstzeit in zwei Krankenhäusern in Delmenhorst und Oldenburg eigenmächtig Medikamente verabreicht zu haben, um lebensbedrohliche Herz-Kreislauf-Stillstände auszulösen und sie wiederzubeleben. Viele von ihnen starben. Nach Einschätzung der Ermittler wollte Högel vor Kollegen mit seinen Fähigkeiten zur Reanimation prahlen. Auch Langeweile kommt demnach als Motiv in Betracht.

Zu Beginn des Prozesses bat der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann um eine Schweigeminute für die Toten. Er wandte sich zudem direkt an die Angehörigen der Opfer. Es müsse ein "furchtbares Gefühl" sein, Jahre nach dem Tod eines geliebten Menschen erfahren zu müssen, dass womöglich alles anders gewesen sei, sagte Bührmann. Er verspreche, dass das Gericht nach der Wahrheit suchen werde und die Taten lückenlos aufklären wolle.

Ein Sprecher der Angehörigen zeigte sich zufrieden damit, dass der Prozess nun begann, kritisierte aber auch die bisherigen Ermittlungen. "Es ist wichtig, dass es jetzt endlich zur Anklage und zum Prozess kommt", sagte Christian Marbach, Enkel eines Verstorbenen. Die bisherige Arbeit der Ermittler bezeichnete er als "desolat". Es habe Verfahrensverzögerungen von mindestens 13 Jahren gegeben.

Das Krankenhaus Delmenhorst begrüßte ebenfalls den Prozessbeginn. Dies sei ein "wichtiges Signal" an die Öffentlichkeit, erklärte der ärztliche Direktor des Josef-Hospitals Delmenhorst, Frank Starp. Für die Angehörigen sei es wichtig, "dass die Justiz hier mit aller Härte vorgeht".

Starp verspricht sich von dem Verfahren auch eine weitere Aufklärung. So könnten auch Erkenntnisse dafür gewonnen werden, wie sich die Patientensicherheit in deutschen Kliniken weiter verbessern lasse. Das Krankenhaus hat nach eigenen Angaben inzwischen ein "umfassendes Sicherheitsnetz" eingeführt, um ähnliche Taten zu verhindern. "Wir alle haben aus diesem Fall gelernt", versicherte Starp.


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