27.10.2018, 16:17 Uhr

Rio de Janeiro (AFP) Verherrlicher der Militärdiktatur greift in Brasilien nach der Macht


Bolsonaro klar in Führung vor Lula-Ersatzkandidat Haddad

Bis zuletzt haben die beiden Kontrahenten bei der Präsidentschaftswahl am Sonntag in Brasilien um die Stimmen der Unentschlossenen gekämpft: Der ultrarechte Favorit Jair Bolsonaro von der Sozial-Liberalen Partei (PSL) ebenso wie Fernando Haddad von der Arbeiterpartei (PT). In den Umfragen lag Bolsonaro zuletzt mit 56 Prozent klar in Führung, Haddad folgte abgeschlagen mit 44 Prozent.

Nach einem spannungsgeladenen Wahlkampf sind rund 147 Millionen Wähler aufgerufen, ein neues Staatsoberhaupt für Lateinamerikas größtes und bevölkerungsreichstes Land zu bestimmen. Bolsonaro wird häufig als "Donald Trump Brasiliens" bezeichnet und fällt immer wieder mit rassistischen, frauenfeindlichen und homophoben Äußerungen auf.

Haddad, ehemaliger Bürgermeister von São Paulo, tritt als Ersatzkandidat der Arbeiterpartei für den wegen Korruption inhaftierten ehemaligen Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva an. Dieser hatte ursprünglich als aussichtsreichster Präsidentschaftskandidat gegolten.

Bei der ersten Runde am 7. Oktober entfielen auf Bolsonaro, den Bewunderer der Militärdiktatur von 1964 bis 1985, 46 Prozent der abgegebenen Stimmen, auf Haddad 29 Prozent. Der spannungsgeladene Wahlkampf war von Beschimpfungen und Gewalt geprägt.

Der 63-jährige Polterer Bolsonaro mäßigte zuletzt seinen Ton. Im Kurzbotschaftendienst Twitter schrieb er. "Ich bitte Euch von ganzem Herzen: Engagiert Euch weiterhin und zeigt, dass wir die bessere Option sind." Und auf seiner Facebookseite hieß es: "Dieses Land ist unser aller Land. Ein Brasilien der Meinungen, der Farben und unterschiedlicher Orientierungen." Das Bolsonaro-Lager rief unterdessen für Samstag zu "Autokorsos für den Sieg" in mehreren Städten auf.

Haddad warf dem ehemaligen Fallschirmjäger und Hauptmann der Reserve vor, ein "kleiner, nichtsnutziger Soldat" zu sein. Bolsonaro sei jeglicher öffentlicher Debatte aus dem Weg gegangen. "Kämpferisch, voller Energie und Zuversicht werden wir für den Umschwung sorgen", twitterte er am Samstag.

Auf der Straße legten sich derweil die Haddad-Anhänger für den 55-jährigen Politologieprofessor und ehemaligen Bildungsminister unter Lula ins Zeug. "Nicht wählen oder ungültig wählen stärkt nur Bolsonaro", sagt der Jurastudent Ulysse Santos, der in Rio de Janeiro am letzten Tag Wahlkampf für Haddad macht.

Für den 39-jährigen Metallarbeiter Marcos Heleno war nach eigenen Angaben von Anfang klar, dass Bolsonaro seine Stimme nicht bekommt. Er schwankte dann zwischen Enthaltung und Haddad wählen, bis ihn ein Aktivist der Arbeiterpartei davon überzeugte, letzteres zu tun.

Haddad musste sich von der PT-Basis den Vorwurf gefallen lassen, zu abgehoben zu sein und die traditionellen Wähler des Partido dos Trabalhadores unter den Armen, Arbeitern und landlosen Bauern zu vernachlässigen.

Tatsächlich zielte Haddad mit seinen Werbeclips im Fernsehen zusehends auf die Mitte. Lula und das rote Logo der Arbeiterpartei verschwanden, stattdessen dominierten brasilianische Nationalflaggen. Haddad wollte damit möglichst viele Menschen hinter seiner Kandidatur versammeln und einen demokratischen Block gegen den mit Bolsonaro drohenden "Faschismus" bilden.

Am Samstag trat Haddad bei einer Großkundgebung unter dem Motto "Hora da virada" (Stunde des Umschwungs) in Heliopolis auf, dem größten Elendsviertel in São Paulo. Seine Anhänger riefen die Teilnehmer auf, weiße Kleidung zu tragen - als Friedenszeichen gegen Bolsonaros "Hasstiraden".

Etwa 147 Millionen Wähler sind am Sonntag aufgerufen, ein neues Staatsoberhaupt für Lateinamerikas größtes und bevölkerungsreichstes Land zu bestimmen. Das fünftgrößte Land der Welt steckt in einer schweren Krise. Zahlreiche Korruptionsaffären haben Brasiliens politische Klasse erschüttert. Nach einer schweren Rezession erholt sich die Wirtschaft nur langsam, zugleich grassieren Kriminalität und Gewalt.


0 Kommentare