25.10.2018, 12:28 Uhr

Berlin (AFP) Hohe Mieten und Wohnungsnot führen laut Gutachten zu Armut

Ein Gerüst bedeckt die Fassade eines Wohnblocks. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Ole Spata (Foto: dpa/AFP/Archiv/Ole Spata)Ein Gerüst bedeckt die Fassade eines Wohnblocks. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Ole Spata (Foto: dpa/AFP/Archiv/Ole Spata)

"Politik hat Problem des knappen und teuren Wohnraums zu spät erkannt"

Explodierende Mieten und Wohnungsnot sorgen einer aktuellen Studie zufolge zunehmend für Armut in Deutschland. In der am Donnerstag vom Sozialverband Deutschland (SovD) vorgestellten Untersuchung heißt es, die hohen Mieten machten über eine Million Haushalte in Großstädten so arm, dass ihr restliches Einkommen unter dem Hartz-IV-Satz liege. Die Politik habe "das Problem des knappen und teuren Wohnraums zu spät erkannt".

Die mittlere Miete stieg demnach im Untersuchungszeitraum von 1993 bis 2014 sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland stärker als das mittlere Einkommen. "Armutsgefährdete und einkommensschwache Haushalte werden durch die Miete stark belastet, leben in kleineren Wohnungen und in unsicheren Verhältnissen wie zur Untermiete", so das Gutachten zu den Wohnverhältnissen in Deutschland.

Es fehlten sowohl für kleine als auch für größere Haushalte erschwingliche Wohnungen. Das Problem werde "in Zukunft noch verstärkt Haushalte ohne Wohneigentum betreffen, die ab 2030 in Rente gehen, da unter ihnen eine hohe Rate an Altersarmut zu erwarten ist".

Der Anteil der Miete am Haushaltsnettoeinkommen ist demnach bei bestimmten Gruppen besonders hoch. "Anfällig für eine hohe Mietbelastungsquote" seien neben Geringverdienern auch Alleinerziehende, Haushalte mit Migrationshintergrund, Rentner, Bezieher von Transferleistungen oder Menschen mit geringem Bildungsgrad.

Weiteres Ergebnis des Gutachtens: In den Großstädten fehlen weitaus mehr Wohnungen als die bislang angenommenen 1,9 Millionen. "Die parlamentarische Politik hat das Problem knappen und teuren Wohnraums zu spät erkannt", heißt es in der Untersuchung. Der Studienautor Stephan Junker stellt in seiner Bewertung fest, dass die Probleme mit Markteingriffen oder hohen Subventionen für Privatpersonen und Unternehmen angegangen werden könnten.

SoVD-Präsident Adolf Bauer forderte ein umfassendes Investitionsprogramm für die öffentliche Wohnungsbauförderung. Ein solches solle insbesondere Wohnraum für mittlere und untere Einkommen schaffen. Zudem müsse der Bund den sozialen Wohnungsbau entschlossener in die Hand nehmen. Keinesfalls dürfen die Probleme am Wohnungsmarkt allein dem Kräftespiel der Wirtschaft überlassen werden.

Auch die Grünen forderten ein entschiedeneres Handeln der Bundesregierung. Ihr wohnungspolitischer Sprecher Chris Kühn nannte es "beschämend", dass die Miete in Deutschland zu einem "Armutsrisiko" geworden sei. "Die Bundesregierung lässt Betroffene im Regen stehen. Steigende Mieten führen zu steigender Armut."

Doch das Wohngeld werde nicht erhöht und beim sozialen Wohnungsbau gingen jedes Jahr zehntausende Wohnungen verloren, kritisierte Kühn. Die Ausnahmen bei der Mietpreisbremse führten "zu einer steigenden verdeckten Armut vor allem bei Familien, Älteren und Frauen".

Der Linken-Politiker Jan Korte erklärte, Mieter müssten wirksam gegen Mietsteigerungen geschützt werden. Dazu gehörten etwa eine "echte Mietpreisbremse", die "flächendeckend, ausnahmslos und unbefristet" gelte.

Korte sprach sich zudem für die Abschaffung der Modernisierungsumlage, einen verbesserten Kündigungsschutz und ein soziales Gewerbemietrecht aus. "Und natürlich muss der soziale und preisgünstige Wohnungsneubau deutlich ausgeweitet und durch dauerhafte Bindungen gesichert werden."


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