23.10.2018, 15:34 Uhr

Ankara (AFP) Erdogan fordert von Riad Aufklärung des "politischen Mords" an Khashoggi

Der türkische Präsident Tayyip Erdogan . Quelle: AFP/Archiv/ADEM ALTAN (Foto: AFP/Archiv/ADEM ALTAN)Der türkische Präsident Tayyip Erdogan . Quelle: AFP/Archiv/ADEM ALTAN (Foto: AFP/Archiv/ADEM ALTAN)

Türkischer Präsident will Prozess gegen Verdächtige in Istanbul

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die Tötung des saudiarabischen Journalisten Jamal Khashoggi als "politischen Mord" bezeichnet, es aber vermieden, Saudi-Arabiens Führung dafür die Verantwortung zu geben. Von Riad verlangte er am Dienstag lediglich Aufklärung, "wer den Befehl für das Verbrechen" gegeben hat. Der Präsident forderte, die Verdächtigen in der Türkei vor Gericht zu stellen. König Salman kondolierte derweil Khashoggis Familie.

"Bisher zeigen alle Fakten und Beweise, die gefunden worden sind, dass Jamal Khashoggi Opfer eines brutalen Mordes geworden ist", sagte Erdogan in der weltweit beachteten Rede vor seiner Fraktion im Parlament in Ankara. Die Staatengemeinschaft werde nicht Ruhe geben, bevor "nicht alle beteiligten Personen, die Ausführenden wie die Auftraggeber, bestraft wurden".

Um das Verbrechen aufzuklären, sei eine "unabhängige Untersuchungskommission" notwendig, sagte Erdogan. Riad müsse klären, wer die Tat in Auftrag gegeben habe und wo sich die Leiche Khashoggis befinde. Später telefonierte Erdogan mit der Familie des Journalisten und versprach, das Verbrechen komplett aufzuklären, wie aus dem türkischen Präsidialamt verlautete.

Saudi-Arabien hatte am Samstag unter internationalem Druck zugegeben, dass der Regierungskritiker im Istanbuler Konsulat zu Tode kam. Demnach wurde der "Washington Post"-Kolumnist dort bei einer "Schlägerei" getötet. Am Dienstag versicherte die saudiarabische Regierung, alle Verantwortlichen für seine Tötung zur Rechenschaft zu ziehen, "wer auch immer sie sein mögen".

Derweil trafen König Salman und Kronprinz Mohammed bin Salman einen Sohn und einen Bruder Khashoggis, um ihnen zu kondolieren. Der 33-jährige Thronfolger steht im Verdacht, die Tötung des Kritikers angeordnet zu haben. Türkische Medien veröffentlichten zuletzt zahlreiche Details aus den Polizeiermittlungen, die auf eine direkte Verbindung zu dem Kronprinzen hindeuten.

In seiner Rede widersprach Erdogan zwar der Darstellung Riads zu den Umständen des Todes Khashoggis, vermied aber direkte Vorwürfe an Kronprinz Mohammed. Zudem zeigte er sich "zuversichtlich", dass der König bei den Ermittlungen kooperieren werde. Von Riad forderte er, dass den 18 in dem Fall festgenommenen Saudi-Arabern in der Türkei den Prozess gemacht werde.

Laut Erdogan wurde der Plan zur Ermordung Khashoggis bereits am 28. September gefasst. Einen Tag vor Khashoggis Besuch im Konsulat am 2. Oktober sei dann ein saudiarabisches Kommando nach Istanbul geschickt worden, das das Umland Istanbuls erkundet habe. Ein zweites Team sei am 2. Oktober eingetroffen und habe im Konsulat das Kamerasystem abgeschaltet.

Die Expertin Jana Jabbour von der Universität Sciences Po in Paris wertete Erdogans "sehr gemäßigte Rede" als Anzeichen, dass es dem Präsidenten offenbar gelungen sei, in einem Deal mit Saudi-Arabien politische und wirtschaftliche Zugeständnisse zu erhalten.

"Erdogan lässt die Tür für eine operationale Beziehung mit Riad offen. Er will nicht alle Brücken zu den Saudis abbrechen", urteilte Khalil Jahshan, Direktor des Arab Center in Washington. Mit seiner Rede habe Erdogan vor allem eine Zusammenfassung der türkischen Ermittlungen präsentiert und den Druck auf Riad erhöht, auch die Auftraggeber ans Licht zu bringen.

In einer ersten Reaktion forderte der US-Vizepräsident Mike Pence von Saudi-Arabien "Antworten" auf Erdogans Vorwürfe, wonach Khashoggi einem lang geplanten Mord zum Opfer fiel. Die USA würden in Riad energisch nachhaken.

Erdogan hielt seine mit Spannung erwartete Rede, während in Riad das Wirtschaftsforum Future Investment Initiative begann, auf dem Kronprinz Mohammed sein wirtschaftliches Reformprogramm präsentieren will. In den vergangenen Tagen hatten dutzende Persönlichkeiten aus Medien, Politik und Wirtschaft ihre Teilnahme wegen der Khashoggi-Affäre abgesagt.


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