20.10.2018, 18:33 Uhr

Riad (AFP) Saudi-Arabien gesteht Tötung von Kritiker Khashoggi in Konsulat


Trump hält Erklärung für "glaubwürdig" - Türkei kündigt vollständige Klärung an

Saudi-Arabien hat unter massivem internationalen Druck zugegeben, dass der vermisste Journalist Jamal Khashoggi im Konsulat des Königreichs in Istanbul getötet worden ist. Knapp drei Wochen nach Khashoggis Verschwinden legte die Generalstaatsanwaltschaft in Riad am Samstag die offizielle Version der Ereignisse vor: Demnach habe sich eine "Schlägerei" zwischen Khashoggi und Männern im Konsulat entwickelt, "die zu seinem Tod führte". Während US-Präsident Donald Trump die Erklärung als glaubwürdig einstufte, kündigte die Türkei weitere Ermittlungen an.

Wochenlang hatte Saudi-Arabien bestritten, dass der Regierungskritiker Khashoggi im Istanbuler Konsulat zu Tode gekommen sein könnte. Angesichts wachsender internationaler Kritik ließ sich diese Darstellung nicht mehr aufrecht erhalten.

Die staatliche saudiarabische Nachrichtenagentur SPA verbreitete am frühen Samstagmorgen eine Erklärung von Generalstaatsanwalt Scheich Saud al-Modscheb: Darin ist die Rede von "Diskussionen" zwischen Khashoggi und von Männern, die er im Konsulat in Istanbul "getroffen" habe.

Die Erklärung ließ offen, wer an Khashoggis Tod in der angeblichen Schlägerei schuld sein könnte. "Möge seine Seele in Frieden ruhen", fügte der Generalstaatsanwalt hinzu.

Türkische und US-Medien hatten zuvor berichtet, Khashoggi sei von einem saudiarabischen Killerkommando in dem Konsulat gefoltert und ermordet worden. Sie beriefen sich auf Tonaufnahmen, die türkischen Sicherheitskräften vorliegen sollen. Die offizielle Erklärung aus Riad weicht deutlich von dieser Darstellung ab.

Wegen Khashoggis Tod wurden nach saudiarabischen Angaben 18 Verdächtige festgenommen und Vize-Geheimdienstchef Ahmad al-Assiri sowie der königliche Medienberater Saud al-Kahtani ihrer Posten enthoben. Beide gehören zum inneren Kreis von Kronprinz Mohammed bin Salman. König Salman richtete zudem eine Kommission unter Leitung des Kronprinzen an, um den Geheimdienst umzubauen und dessen Befugnisse "genau" festzulegen, wie SPA berichtete.

Die Erklärung aus Riad erfolgte kurz nach einem erneuten Telefonat von König Salman mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Türkische Ermittler hatten in den vergangenen Tagen das Konsulat und die Residenz des Konsuls in Istanbul untersucht. Mit öffentlichen Schuldzuweisungen war Ankara bislang aber zurückhaltend.

Nach der Erklärung aus Riad versprach die Türkei eine vollständige Klärung von Khashoggis Tod. "Die Türkei wird alles enthüllen, was hier vorgefallen ist", sagte der Sprecher der Regierungspartei AKP, Ömer Celik. Von Vorverurteilungen wolle er absehen, "aber wir lassen es nicht zu, dass hier irgend etwas vertuscht wird". AKP-Vizechefin Leyla Sahin Usta bezeichnete die Erklärung aus Riad als "nicht überzeugend".

US-Präsident Trump sagte dagegen, er halte die Version Saudi-Arabiens vom Tod Khashoggis für glaubwürdig. Das Eingeständnis seines wichtigen Verbündeten sei ein "sehr wichtiger erster Schritt", doch sei die "Überprüfung oder Ermittlung noch nicht beendet". Zu möglichen Sanktionen wollte er sich noch nicht äußern, er sprach sich aber gegen die Kündigung eines riesigen Rüstungsgeschäfts mit Riad aus.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) verurteilten die gewaltsame Tötung Khashoggis "in aller Schärfe". Von Saudi-Arabien erwarteten sie "Transparenz im Hinblick auf die Todesumstände und die Hintergründe", hieß es in einer vom Auswärtigen Amt veröffentlichten gemeinsamen Erklärung.

Der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian verlangte eine "vollständige und zügige Untersuchung". Zahlreiche Fragen seien bislang unbeantwortet.

Die Experten vom Forschungsinstitut Eurasia Group werteten die Erklärung zum Tod Khashoggis und die Absetzung von al-Assiri und al-Kahtani als Versuch, "den Kronprinzen von dem Mord distanzieren".

Nicht nur bleibt der Verbleib der Leiche Khashoggis ungeklärt, sondern auch die Frage, warum am Tag von dessen Tod 15 Saudiaraber in das Konsulat in Istanbul reisten. Laut Medienberichten waren darunter ein Gerichtsmediziner und vier Leibwächter bin Salmans, von denen einer ihn wiederholt auf Auslandsreisen begleitete.


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