08.10.2018, 16:31 Uhr

Berlin (AFP) Druck auf Bulgarien nach Mord an Journalistin wächst

Die bulgarische Journalistin Viktoria Marinowa. Quelle: TVN.BG/AFP/HO (Foto: TVN.BG/AFP/HO)Die bulgarische Journalistin Viktoria Marinowa. Quelle: TVN.BG/AFP/HO (Foto: TVN.BG/AFP/HO)

Bundesregierung und EU fordern rasche Aufklärung

Nach der Ermordung der bulgarischen Journalistin Viktoria Marinowa steht das südosteuropäische Land unter wachsendem Druck, den Fall rasch aufzuklären. Die EU und die Bundesregierung forderten am Montag eine schnelle und umfassende Untersuchung der Tat. Die Staatsanwaltschaft in Sofia bekräftigte, in alle Richtungen zu ermitteln. Die Leiche der 30-Jährigen war am Sonntag in der Stadt Ruse gefunden worden.

Das Auswärtige Amt äußerte sich "tief bestürzt" über die "brutale und furchtbare Ermordung". Über die Motive der Tat gebe es derzeit keine belastbaren Erkenntnisse, daher sei eine schnelle und "möglichst umfassende" Aufklärung entscheidend, sagte ein Sprecher in Berlin.

Auch die EU-Kommission zeigte sich bestürzt. Sie erwarte "eine schnelle und sorgfältige Untersuchung", um die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen, erklärte die Kommission in Brüssel und mahnte: "Es gibt keine Demokratie ohne eine freie Presse."

Laut Staatsanwaltschaft wurde Marinowa vergewaltigt, sie starb durch Schläge auf den Kopf und Ersticken. Unter anderem wurden ihr Mobiltelefon und ihr Autoschlüssel gestohlen.

Marinowa arbeitete in Ruse für den privaten Lokalsender TVN, wo am 30. September ihre Interviews mit zwei investigativen Journalisten ausgestrahlt wurden. Diese berichteten über ihre Recherchen zur mutmaßlichen Veruntreuung von EU-Geldern durch Geschäftsleute und Politiker. Ob der Mord im Zusammenhang mit Marinowas beruflicher Tätigkeit stand, war am Montag weiter unklar.

"Wir gehen allen Hinweisen nach", sagte der leitende Staatsanwalt Sotir Zazarow. Dazu zähle die Frage, ob es einen Zusammenhang zu Marinowas Arbeit gebe. Der Betreiber der Website Bivol.bg, für die einer der von Marinowa interviewten Journalisten arbeitet, sagte, die Ermordung sei eine "Exekution" und solle als "Warnung" dienen.

Der oppositionelle Medienjournalist Swetoslaw Terziew äußerte sich zurückhaltender. "Bulgarien hat ein schlechtes Image in Sachen Pressefreiheit, aber möglicherweise besteht kein Zusammenhang zu ihrer Arbeit", sagte er. Tihomir Beslow vom Zentrum für Demokratische Studien in Sofia sagte, Marinowa sei "keine typische Investigativjournalistin" gewesen. Ihre Sendung scheine kein hinreichender Grund für einen Mord zu sein.

Marinowas Kollegen beim Sender TVN waren "schockiert" über die Tat, wie einer von ihnen der Nachrichtenagentur AFP sagte. Der Sender oder Marinowa selbst hätte niemals Drohungen erhalten, sagte der Journalist, der anonym bleiben wollte. Er und seine Kollegen fürchteten aber nun um ihre Sicherheit.

Marinowa ist die dritte Journalistin, die innerhalb eines Jahres in der EU ermordet wurde. Im Oktober 2017 wurde die maltesische Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia bei einem Bombenanschlag getötet. Im Februar sorgte die Ermordung des slowakischen Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten für Entsetzen.

Die Journalistenorganisation Reporter Ohne Grenzen sprach von einem "erschreckenden Trend": "Immer häufiger werden auch in der Europäischen Union Journalistinnen und Journalisten ermordet, weil sie unangenehme Themen ansprechen", erklärte Christian Mihr in Berlin. "Die EU darf nicht wegschauen."

Bulgarien steht im weltweiten RSF-Ranking zur Pressefreiheit derzeit auf Platz 111 und hat damit die schlechteste Bewertung aller EU-Staaten. In dem südosteuropäischen Land ist auch Gewalt gegen Frauen weit verbreitet.

In sozialen Netzwerken kondolierten zahlreiche Menschen den Angehörigen Marinowas, die ein kleines Kind hinterlässt. In Ruse und Sofia waren für Montagabend Kerzenwachen geplant. Die bulgarischen Medien widmeten dem Fall indes nur wenig Sendezeit.


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