03.10.2018, 09:00 Uhr

Berlin (AFP) Seit der Wiedervereinigung in Deutschland deutlich mehr Befristungen und Mini-Jobs

Seit 1991 deutlich mehr Befristungen und Mini-Jobs. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Julian Stratenschulte (Foto: dpa/AFP/Archiv/Julian Stratenschulte)Seit 1991 deutlich mehr Befristungen und Mini-Jobs. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Julian Stratenschulte (Foto: dpa/AFP/Archiv/Julian Stratenschulte)

Auswirkungen im Osten erheblich stärker - aber auch der Westen betroffen

Seit der Wiedervereinigung hat sich der Arbeitsmarkt im gesamten Deutschland stark verändert: Während die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse von 1991 bis 2017 um 4,4 Prozent abnahm, stieg die Zahl sogenannter atypischer Beschäftigungsverhältnisse wie Befristungen, Teilzeit oder Mini-Jobs drastisch an. Dabei gibt es allerdings nach einer Auswertung der Linken-Bundestagsabgeordneten Susanne Ferschl, die der Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch vorlag, deutliche Unterschiede zwischen Ost und West.

Ferschl beruft sich auf die Ergebnisse des Mikrozensus des Statistischen Bundesamts zur Entwicklung von Arbeitsverhältnissen. Demnach gab es 2017 im gesamten Bundesgebiet 33,5 Millionen abhängig Beschäftigte, 6,6 Prozent mehr als 1991. Davon arbeiteten 25,7 Millionen Menschen in regulären Vollzeit-Arbeitsverhältnissen oder in Teilzeit von mindestens 20 Wochenstunden. Das waren 4,4 Prozent weniger als 1991.

Die Zahl atypisch Beschäftigter stieg im gleichen Zeitraum um 74 Prozent auf 7,7 Millionen. Davon waren 2,5 Millionen Menschen befristet beschäftigt (plus 29,5 Prozent), 4,7 Millionen arbeiteten in Teilzeit unterhalb von 20 Stunden (plus 87,4 Prozent), 2,1 Millionen waren geringfügig beschäftigt (plus 238,8 Prozent) und 932.000 arbeiteten in Leiharbeitsverhältnissen (plus 65 Prozent - Vergleichsjahr hier 2006).

Bei der Teilzeit betraf der Zuwachs überdurchschnittlich stark die Arbeitsverhältnisse von Männern, während der Teilzeit-Anteil bei Frauen auch zuvor bereits stärker ausgeprägt war. Gleichwohl nahm auch bei Frauen die Zahl der Teilzeitarbeitsverhältnisse von mehr als 20 Stunden von 1991 bis 2017 noch einmal um 94,3 Prozent zu, von weniger als 20 Stunden um 69,9 Prozent. Bei den Männern betrug die Zunahme bei Teilzeit von mehr als 20 Stunden hingegen 398 Prozent, von weniger als 20 Stunden 359 Prozent. Gleichwohl bleibt der Teilzeit-Anteil von Frauen deutlich höher als der von Männern.

In den neuen Ländern einschließlich Berlin nahm die Gesamtzahl der abhängig Beschäftigten von 1991 bis 2017 um 18,2 Prozent auf 6,4 Millionen ab. Bei den Normalarbeitsverhältnissen (einschließlich Teilzeit von mehr als 20 Stunden) betrug der Rückgang sogar 23,6 Prozent. Die Zahl atypischer Beschäftigungsverhältnisse nahm im Osten um 19,6 Prozent zu, vor allem wegen eines drastischen Zuwachses bei Mini-Jobs, deren Zahl sich mehr als versechsfachte, sowie eines Zuwachses um 144 Prozent bei Teilzeit unter 20 Stunden.

"Es gibt wenig Grund zum Feiern. 28 Jahre nach der Wiedervereinigung verläuft die Spaltung der Gesellschaft zwischen Oben und Unten, zwischen Arm und Reich", sagte Ferschl zu AFP. Dabei seien von der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse im Grundsatz sowohl die Menschen in Ost- wie auch in Westdeutschland betroffen, wenn auch in unterschiedlichem Maße.

Die Wiedervereinigung habe insgesamt "der neoliberalen Deregulierung von Arbeit Aufschwung verliehen", kritisierte Ferschl. Dies habe die Ostdeutschen bereits Anfang der 1990er Jahre hart getroffen, "hat aber auch den Westen nicht verschont". Ferschl forderte "eine soziale und beschäftigungspolitische Wende", um die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden.


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