02.10.2018, 11:20 Uhr

Berlin (AFP) Ostpolitiker fordern mehr Respekt für Menschen in neuen Ländern

Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Quelle: dpa/AFP/Jörg Carstensen (Foto: dpa/AFP/Jörg Carstensen)Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Quelle: dpa/AFP/Jörg Carstensen (Foto: dpa/AFP/Jörg Carstensen)

Ramelow: Ostdeutsche müssen sich für alles rechtfertigen

Ostpolitiker haben anlässlich des Einheitsfeiertags mehr Respekt für die Menschen in Ostdeutschland gefordert. Auch 28 Jahre nach der Wiedervereinigung machten die Ostdeutschen "immer wieder die Erfahrung, dass sie sich rechtfertigen müssen - für alles", sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) den Zeitungen der Funke-Mediengruppe vom Dienstag. Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte (CDU), würdigte den Aufholprozess in den neuen Ländern.

Nach Ramelows Einschätzung gibt es zwischen Ost und West nach wie vor auch menschliche Defizite. Der gesamtdeutsche Umgang miteinander sei "bis heute oftmals verheerend". "Auf der emotionalen Seite erleben die Menschen im Osten nahezu täglich Verletzungen", sagte der Linken-Politiker. Dabei leisteten sie genau so viel für die deutsche Einheit wie die Menschen im Westen. Die Ostdeutschen arbeiteten länger und das für weniger Lohn und müssten sich dann noch anhören, sie seien "undankbar". "Es geht aber nicht um Dankbarkeit, sondern um Respekt", sagte Ramelow.

Auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) forderte "eine stärkere Sichtbarkeit und Wertschätzung der Ostdeutschen". "Fast drei Jahrzehnte nach der Einheit haben wir immer noch nicht volle Lohn- und Rentengleichheit erreicht", sagte er dem "Tagesspiegel". Der Osten leide nach wie vor unter strukturellen Defiziten.

Wie Woidke dringen auch andere Ostpolitiker auf die Ansiedlung von mehr Bundesbehörden in Ostdeutschland. Es gehörten "endlich auch mehr Bundesbehörden in den Osten", und Beamte aus dem Osten seien "angemessen zu berücksichtigen", sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) dem "Tagesspiegel".

Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, sieht in der Digitalisierung "eine große Chance". Ein verstärktes Augenmerk müsse zudem auf die Angleichung der Löhne gerichtet werden. "Gleichwertige Lebensverhältnisse sind erst erreicht, wenn wir gleiche Löhne und gleiche Renten haben", sagte Schwesig der Zeitung.

Hirte gab zu Bedenken, dass sich die Regionen sehr unterschiedlich entwickelten und ihre eigenen Besonderheiten hätten. "Deshalb sollten wir auch nicht den Anschein erwecken, als ginge es darum, dass alles überall gleich werden müsse", erklärte der CDU-Politiker. "Einheit bedeutet nicht Gleichheit." Ziel der Bundesregierung sei es, dass es überall "in Summe" gute Lebensbedingungen gebe.

Der Ostbeauftragte würdigte zugleich die Erfolge seit der Wiedervereinigung. "Wir haben allen Grund, stolz auf die letzten 28 Jahre zu blicken", erklärte Hirte. Dass der Osten bei der wirtschaftlichen Entwicklung längst auf Augenhöhe mit vielen Regionen in Westeuropa liege, sei "keine Selbstverständlichkeit".

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mahnte zum Tag der Deutschen Einheit mehr Wertschätzung für die Grundwerte des Zusammenlebens in Deutschland an. "Wir sollten daran denken, wie prekär und fragil das alles ist, was unser Land so erfolgreich und lebenswert macht", erklärte er in Berlin. Jeder Bürger sei mitverantwortlich dafür, dass auch kommende Generationen in Einigkeit und Recht und Freiheit leben könnten.

Am Mittwoch nimmt Steinmeier zusammen mit den weiteren Spitzenvertretern von Bund und Ländern an einem Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in der Berliner Staatsoper teil. In der Hauptstadt findet zugleich zwischen Bundestag, Brandenburger Tor und der Straße des 17. Juni noch bis Mittwoch ein dreitägiges Bürgerfest statt, zu dem mehr als eine Million Besucher erwartet wird.


0 Kommentare