27.09.2018, 10:36 Uhr

Berlin (AFP) Nachlassende Auslandsnachfrage und Fachkräftemangel dämpfen Wachstum

Containerschiffe in Hamburg. Quelle: dpa/AFP/Axel Heimken (Foto: dpa/AFP/Axel Heimken)Containerschiffe in Hamburg. Quelle: dpa/AFP/Axel Heimken (Foto: dpa/AFP/Axel Heimken)

Forscher senken Konjunkturprognose für 2018 deutlich

Die nachlassende Auslandsnachfrage und die schwierige Suche nach Arbeitskräften dämpfen das Wirtschaftswachstum in Deutschland. Die führenden Wirtschaftsforscher senkten ihre Konjunkturprognose in ihrem am Donnerstag vorgelegten Herbstgutachten daher deutlich ab. Sie kritisierten die Bundesregierung für eine aus ihrer Sicht kurzsichtige Politik, insbesondere beim Baukindergeld. Außerdem warnten sie vor deutlich gestiegenen internationalen Risiken.

Für 2018 erwarten die fünf an dem Gutachten beteiligten Wirtschaftsforschungsinstitute nun ein Wachstum von 1,7 Prozent - in ihrer Frühjahresprognose waren sie noch von 2,2 Prozent ausgegangen. Für 2019 senkten sie die Prognose von 2,0 auf 1,9 Prozent. "Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft verliert an Fahrt", sagte Roland Döhrn, Konjunkturchef des RWI - Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, bei der Vorstellung des Gutachtens in Berlin.

Kurzfristig wirkten sich laut Gutachten Engpässe in der Autobranche auf die gesamte Wirtschaftsleistung aus. Die deutschen Autobauer - allen voran Volkswagen - kamen mit der Umstellung auf den neuen Abgastest WLTP nicht hinterher. VW musste deshalb unter anderem Stellplätze für nicht zugelassene Autos am Berliner Pannenflughafen BER anmieten. Diese Probleme sollen aber nicht bis ins nächste Jahr reichen.

Größeres Problem ist laut Gutachten, dass es immer länger dauert, bis Unternehmen offene Stellen nachbesetzen können. Deshalb kommen sie den Aufträgen nicht mehr hinterher. Außerdem wachse die Wirtschaft in den wichtigen Exportmärkten schwächer, was auch die deutsche Wirtschaft verlangsame. Positiv für die Unternehmen sei hingegen die nach wie vor gute Konsumlaune der deutschen Verbraucher.

Im Vergleich zum Frühjahr haben sich den Wirtschaftsforschern zufolge die weltpolitischen Risiken vergrößert: So nehme die Zahl der Handelskonflikte zu, zudem drohten ein ungeordneter Brexit und eine mögliche Schuldenkrise in Italien, erklärten die Institute.

Hart ins Gericht gingen die Wirtschaftsforscher mit dem kürzlich von der Regierung beschlossenen Baukindergeld. Es handle sich wegen seiner Befristung auf drei Jahre um ein "Strohfeuerprogramm", das auf eine Bauwirtschaft trifft, die ohnehin mehr als ausgelastet sei. Deshalb werde die staatliche Förderung vermutlich keinen großen Anreiz für neue Wohnbauten bringen und durch Preissteigerungen aufgefressen.

Außerdem sei es ein Geschenk an Menschen mit hohen Einkommen und Vermögen - Bedürftige könnten sich ein Eigenheim auch mit der Förderung nicht leisten. Die Ökonomen forderten von der Regierung, stattdessen mehr Grundstücke des Bundes für Neubauten zur Verfügung zu stellen und außerdem die Grunderwerbssteuer zu senken. Solche längerfristigen Anreize seien deutlich besser geeignet, um den Wohnraum in Großstädten auszuweiten.

Langfristiges Denken fordern die Ökonomen auch mit Blick auf die Bildungspolitik, die Integration von Flüchtlingen und die Rentenpolitik. Zwar werde der Staat auch in den nächsten beiden Jahren Überschüsse in Milliardenhöhe haben und die Zahl der Arbeitslosen werde weiter sinken - doch schon im nächsten Jahrzehnt werde die alternde Bevölkerung die Wirtschaft vor große Probleme stellen.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) erklärte, er wolle die Überschüsse zu weiteren Entlastungen für Unternehmer und Arbeitnehmer nutzen. Auch der Abbau von Bürokratie müsse schneller vorankommen. Außerdem wies er auf die Bedeutung von Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz und Batteriefertigung hin. "Wenn wir hier die richtigen Weichen stellen, kann sich der Aufschwung, der mittlerweile im neunten Jahr ist, noch viele Jahre fortsetzen."

Die Gemeinschaftsdiagnose wird erarbeitet vom RWI in Essen, vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, vom Ifo Institut in München, vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) und vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH). Das Gutachten der Institute dient der Bundesregierung als Grundlage für ihre eigene Prognose, die sie am 11. Oktober veröffentlicht.


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